Panik in Kandahar. Abdul Salam Zaeef blättert. "Anarchie in Kabul". Der 40-jährige Passagier in der Business-Class liest aufmerksam in der englischsprachigen Zeitung The News, während das Flugzeug der Pakistan International Airline auf die Startbahn rollt. Als die Maschine im pakistanischen Quetta mit Kurs auf Peschawar nahe der Grenze zu Afghanistan abhebt, legt der bärtige Mann die Zeitung beiseite und schlägt eine verzierte Ausgabe des Korans auf. Mit den Lippen formt er jede Silbe nach.

Der Mann mit dem Turban auf dem Kopf ist nicht irgendwer, er ist der Botschafter des afghanischen Taliban-Regimes in Pakistan. Doch er reist unter falschem Namen, aus Gründen der Sicherheit. Als Ahad Ratab Popal stellt er sich vor, und von Beruf sei er Geschäftsmann, sagt er. Der Botschafter ist gerade aus dem afghanischen Kandahar über die Grenze gekommen. Der Zeitung hat er soeben entnommen, dass dort drüben, auf afghanischer Seite, eine Lastwagenkolonne mit Luxusgütern beladen werde - als Vorkehrung der Eliten für den Fall eines erzwungenen Exodus. Ob die Amerikaner bald bombardieren werden?

Nicht außergewöhnlich, sagt er, sei die augenblickliche Lage seines Landes. Ungezählte Flüchtlinge kämen seit Monaten über die Grenze nach Pakistan. Viele Männer rüsteten sich jetzt für den Krieg. Für die Älteren vertraute Bilder.

"Sie gehören zu den Älteren?"

"Ja. Im ,heiligen Krieg' gegen Russland wurde ich dreimal verletzt."

"Aus jener Zeit kennen Sie Osama bin Laden?"

"Ja." Dann schweigt er über den meistgesuchten Terroristen der Welt, der nach Meldungen eines arabischen Fernsehsenders das afghanische Volk jetzt zum "heiligen Krieg" gegen den "großen Kreuzritter George Bush" aufgerufen hat.