Warum studiert eine junge Frau ausgerechnet die Wissenschaft des Alterns? "Eine gute Psychiaterin muss doch auch nicht selber schizophren sein", sagt die 26-jährige Angelika Mielke aus Karlsruhe. Sie studiert Gerontologie an der Universität der niedersächsischen Kleinstadt Vechta - im bundesweit einzigen Diplomstudiengang, der auch Abiturienten ohne fachliche Vorkenntnisse offen steht. An anderen Hochschulen, etwa in Dortmund oder Heidelberg, kann das Fach nur als Aufbau- oder Zusatzstudium belegt werden.

Der Bedarf an Experten für die speziellen Bedürfnisse alter Menschen wächst. Leben heute erst rund 18,5 Millionen über 60-Jährige in der Bundesrepublik, werden es im Jahr 2030 schätzungsweise 26,5 Millionen sein - ein Drittel der Bevölkerung im Vergleich zu heute 22 Prozent.

Handel und Industrie werden darauf reagieren müssen, vom Spielehersteller über den Limonadenproduzenten bis hin zur so genannten Event-Agentur. Auch der Pflegemarkt wird weiter profitieren. Seit 1996 stieg die Zahl der Heime mit vollstationären Plätzen um über zehn Prozent auf rund 8900; in der ambulanten Pflege stieg die Zahl der Einrichtungen gar um 22 Prozent auf rund 12 900.

Wie viele Gerontologie-Studierende hat Angelika Mielke hier ihre ersten Berufserfahrungen mit alten Menschen gemacht. Nach Abitur und Lehre arbeitete sie als Altenpflegerin in einem Karlsruher Altersheim. Dabei sei sie auf große Missstände getroffen, sagt die angehende Gerontologin. "Es herrschte Pflegenotstand, eine Schwester musste ein Dutzend alte Menschen betreuen, davon etliche schwerste Pflegefälle." Das Personal sei oft unzureichend ausgebildet gewesen. Da sie mit alten Menschen "sehr viel verbindet", hat ihr das zugesetzt. Der Hilfebedarf sei groß.

Noch sind Alters- und Pflegeheime sowie Seniorenzentren die wichtigsten Einsatzgebiete studierter Gerontologen. "Zwei Drittel bis drei Viertel" der bisherigen Absolventen der Voll- und Aufbaustudiengänge in Vechta hätten dort, oft in leitender Funktion, Stellen gefunden, berichtet Claus Schmelz. Er ist selber Gerontologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität.

Im Grundstudium des neunsemestrigen Diplomstudiengangs werden Kenntnisse in Betriebswirtschaftslehre, Jura und Sozialpolitik vermittelt. Zu den Pflichtfächern gehören auch Kurse wie "Geriatrische Krankheitsbilder", "Psychologische Alternstheorien" oder "Das System der sozialen Sicherung". Im Hauptstudium entscheiden sich die Studierenden schließlich für einen der beiden Schwerpunkte: Management und Sozialplanung oder Rehabilitation und Altenhilfe. Das breite Kursangebot soll die Absolventen später zu Mittlern zwischen anderen Fachleuten machen, etwa wenn ein neues Pflegeheim konzipiert wird. "Rechtsanwälte, Architekten, Betreiber und Geldgeber verstehen einander nämlich in aller Regel nicht", sagt Schmelz.

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