Fast wäre ich auf der Sonderschule gelandet. In der fünften Klasse, auf der Realschule, brach alles über mir zusammen. Die Trennung meiner Eltern und ein siebenjähriger Sorgerechtsprozess hatten mich ziemlich durcheinander gebracht. Es gab damals recht verrückte Ereignisse. So wurde ich einmal mitten aus dem Unterricht heraus zum Gericht gebracht, um im Prozess auszusagen. Ich lernte viele Gutachter kennen. Die fragten zum Abschluss immer: "Na, wohin willst du denn? Zu deinem Vater oder zu deiner Mutter?" Das empfand ich immer eher als Inquisition. Obwohl ich eigentlich kein schlechter Schüler war, sackten meine Leistungen so ab, dass eine Lehrerin empfahl, mich auf die Sonderschule zu schicken. Doch dazu kam es nicht. Meine Mutter erhielt das Sorgerecht; bald darauf war ich einer der Besten in der Klasse.

In ausgesprochen guter Erinnerung habe ich die Grundschulzeit in Goslar. Mein Lieblingsfach war Heimatkunde. Das war sehr interessant in einer Stadt, in der schon ein Reichstag tagte, bevor man in Berlin das Wort überhaupt schreiben konnte. Falls ich meinen Job loswürde, könnte ich dort problemlos als Stadtführer anfangen. Am Ende der Grundschule empfahl mich meine Klassenlehrerin fürs Gymnasium. Mein Vater jedoch entschied, dass die Realschule reiche, schließlich sei er auch nur Beamter geworden.

Als ich 1969 auf die Realschule kam, hieß sie noch Mittelschule für Knaben. Das Klima in dieser Jungengesellschaft war recht rustikal; Prügeleien gehörten zum Alltag. Vor jungen Lehrern hatten wir damals überhaupt keinen Respekt, die waren nett, aber hilflos. Richtig angestrengt haben wir uns nur bei den Älteren. Viel Spaß hat der Chemieunterricht gemacht. Ein Lehrer beschrieb das Fach wie folgt: "Chemie ist, was knallt und stinkt." Manchmal haben wir das frisch erworbene Wissen gleich umgesetzt: wenn etwa der Lehrer erklärt hat, wie man Schwefelwasserstoff, also Stinkbomben, herstellt. Ich war ein recht guter Realschüler und durfte nach der zehnten Klasse in die zehnte Klasse des Gymnasiums wechseln. Eine Lehrstelle als Chemielaborant hatte ich schon in der Tasche, aber meine Mutter wollte mir die Chance zum Abitur geben.

Auf dem Gymnasium erlebte ich dann einen regelrechten Kulturschock. Erstmals kam ich in eine gemischte Klasse. Und schlagartig spielten Prügeleien keine Rolle mehr. Stattdessen stellten wir Jungs fest, dass man mit Mädchen mehr tun kann, als ihnen an den Haaren zu ziehen. Sorgen machten mir meine schlechten Französischkenntnisse. Denn so hervorragend der naturwissenschaftliche Unterricht an der Realschule war, so miserabel war der Sprachunterricht. Dank der Oberstufenreform konnte ich Französisch abwählen. Heute bedaure ich das, weil mein Französisch gerade ausreicht, um in Frankreich im Restaurant nicht zu verhungern.

Mit 15 lernte ich die Falken kennen, den sozialdemokratischen Kinder- und Jugendverband. Dort habe ich sehr viel über Pädagogik und Politik gelernt. Wer ein Zeltlager mit 400 Kindern und 150 Jugendlichen geleitet hat, den kann nichts mehr erschüttern. Wenn da ein Klo verstopft ist, kann man keinen Arbeitskreis gründen, sondern muss es notfalls eigenhändig frei bekommen.

Durch die Arbeit mit Jugendlichen wurde mein Interesse für den Beruf des Lehrers geweckt. Ich studierte in Göttingen Germanistik, Soziologie und Politik für das Lehramt. Nie vergessen werde ich die Vorlesungen von Ernst-August Roloff, der politische Didaktik lehrte. Um uns den Marxismus, die Psychoanalyse und in der Folge die Frankfurter Schule zu erklären, inszenierte er eine fiktive Begegnung zwischen Sigmund Freud und Lenin - und spielte beide Rollen. Er war einer der besten Hochschullehrer, die ich kennen gelernt habe.

Das Wichtigste, was ich an der Universität gelernt habe, war, in der politischen Analyse schonungslos zu sein, auch dann, wenn's weh tut. Wie heißt es so schön bei Rosa Luxemburg? "Zu sagen, was ist, ist und bleibt die revolutionärste Tat." Bei den Falken hatten wir ein eher romantisches Bild von der Arbeiterjugend und haben mit Inbrunst die Kampflieder von früher gesungen. Das ist auch schön, das wärmt das Herz. Aber im 21. Jahrhundert darf man sich kein folkloristisches Verhältnis zur Arbeiterbewegung leisten; das führt auf falsche Pfade. Im Studium habe ich mich dann intensiv mit dem politischen Bewusstsein von Jugendlichen befasst. Da wurde mir klar, dass sich die Arbeiterjugend verändert hatte, dass sich die traditionellen Milieus aufgelöst haben - und damit auch die alten ideologischen und politischen Bindungen verloren gegangen sind.