Das Letzte

Anders als die Anhänger Carl Schmitts meinen, die das lang ersehnte Glück strenger Freund-Feind-Scheidung schon kommen sahen, wächst die Verwirrung von Tag zu Tag. Um das Durcheinander zu steigern, wollen wir an dieser Stelle, wo sich sonst das Erfundene und das Tatsächliche wunderlich mischen, nur wahre Begebenheiten erzählen. Sie sind schlimm genug. In Berlin, auf einer grün-alternativ-christlich inspirierten Veranstaltung, wurde weitläufig beklagt, wie sich nun wohl, in Reaktion auf den New Yorker Anschlag, Ressentiments gegen Muslime Bahn brächen; schon sei es so weit, dass in der Schule einem türkischen Mädchen das Kopftuch heruntergerissen wurde. An der Formulierung, dass irgendetwas schon (wieder!) so weit sei, lässt sich übrigens untrüglich die Linke erkennen; ebenso wie die Rechte an der Formulierung, dass irgendetwas nicht (mehr!) getan oder gesagt werden dürfte. Aber um solche (schon wieder!) schmittianischen Scheidungen soll es hier nicht gehen, sondern um die Reaktion eines Türken im Publikum, der "Recht so!" rief. Das war natürlich ein Kemalist, der den Kopftüchern genauso verbittert gegenübersteht wie ein deutscher Kleinbürger, aber das ist ja gerade das Elend der Lage, dass wir nicht (mehr!) vom Türken sprechen können, sondern in Kemalisten und Islamisten differenzieren müssen. Da geht es den Amerikanern nicht besser. In einem New Yorker Salon, wo ein CIA-Mann das Problem der afghanischen Berge erklärte (nämlich für militärische Einsätze), meldete sich eine Dichterin mit dem Vorschlag, ob es dann vielleicht besser sei, Belgien zu besetzen? Das war natürlich eine maliziöse Anspielung auf den deutschen Eröffnungszug im Ersten Weltkrieg; aber zeigte sich deswegen die amerikanische Dichterin als schlechte Patriotin? Oder im Gegenteil als gute Patriotin, weil sie auf drohende Dämlichkeiten hinweisen wollte? Darüber müsste man nachdenken, aber mit dem Denken ist es nun (schon!) wieder so, dass es nicht (mehr!) erlaubt ist, sondern unter Feigheitsverdacht gestellt wurde, und zwar von einem Berliner Journalisten. Damit steht es 2 : 1 im Berlin-New-York-Verwirrspiel; wenn man sich klarmacht, dass in puncto Schlagfertigkeit der Berliner Türke und die amerikanische Dichterin eigentlich quitt sind, dann gebührt ganz entschieden Berlin der Sieg, nämlich in puncto Dämlichkeit. Deswegen hat die Dichterin wahrscheinlich auf den Schlieffenplan angespielt; weil diese Dummheit auch schon in Berlin ausgebrütet worden war.