Berlin

Was mag Joschka Fischer bloß getrieben haben, als er damals, im November 1998 - keine zwei Monate war er im Amt - einen Streit mit den Amerikanern über die Nuklearstrategie der Nato vom Zaun brach? Dass die Außenpolitik der neuen Bundesregierung derart grün eröffnet, sich der diplomatische Neuling gleich mit der westlichen Vormacht anlegen würde, das hatte nun wirklich niemand von ihm verlangt. Nicht einmal die eigene Partei. Die Amerikaner jedenfalls gaben Fischer auf ihre unnachahmlich kühle, höfliche Weise zu verstehen, dass sie so nicht mit sich spielen ließen. Ein nennenswerter Dissens ist seither nicht mehr vorgefallen.

Auch deshalb überrascht es nicht, dass Fischer auf seiner USA-Reise nach den Terroranschlägen den Amerikanern uneingeschränkte Solidarität bekundete. Und mehr noch: Keine Option sei ausgeschlossen beim deutschen Beistand im Kampf gegen den Terrorismus. Wirklich keine? Der Kanzler immerhin ließ, während Fischer im Pentagon, State Department und Weißen Haus vorsprach, die Öffentlichkeit wissen, man sei bereit, Risiken einzugehen, aber "keine Abenteuer". Wer diese Unterscheidung trifft, dem scheint nicht völlig undenkbar, dass die Antwort auf den Terror auch in Unkalkulierbarem münden kann. Oder er hat zumindest die Befürchtungen in der Öffentlichkeit registriert und versucht sie zu mildern. Und er zeigt: Es gibt Grenzen, über die man nicht hinausgehen will. Das mag auch für Fischer gelten. Doch es ist nicht erkennbar. Nicht mehr. Konnte man nach dem 11.September einem tief verunsicherten Außenminister begegnen, der wirkte, als habe er soeben der Apokalypse ins Auge geblickt, hat sich Fischer inzwischen wieder gefangen. Vom unbegreiflichen Schrecken der kollabierenden Türme des World Trade Centers hat er sich in wenigen Tagen zu den Chancen einer "neuen Weltordnung" vorgearbeitet. Dazwischen liegt eigentlich nur noch der Krieg.

Man kennt diesen Mechanismus bei Joschka Fischer schon, aus den Zeiten des Kosovo-Krieges. Auch damals herrschte der Schrecken - aus Vertreibung und drohendem Völkermord. Auch damals war militärisches Handeln notwendig, musste durchgesetzt und einer Öffentlichkeit vermittelt werden, deren Zweifel von Woche zu Woche, von Kollateralschaden zu Kollateralschaden wuchsen. Und auch damals war es der Außenminister, der nicht nur die moralische Dimension des Krieges beschwor, sondern ihn zum "europäischen Einigungskrieg" adelte und in großen Würfen den Balkan nach Europa holte. So ist es auch jetzt. Der Schrecken wird zum Katalysator für das Neue. Danach soll es sie nicht mehr geben, die "Zonen der Unsicherheit", aus denen der Terrorismus wächst. Fast scheint es, als müsse Fischer seine eigene Unsicherheit mit visonär aufgeladenen Perspektiven bekämpfen. Im Kosovo hat der Krieg sein Ziel erreicht. Aber jeder Krieg ist anders. Zumal der bevorstehende hat kein Vorbild.

Gerade dann verbietet sich die visionäre Suggestion, wenn unklar bleibt, wie der militärische Gegenschlag aussehen könnte, einer, der die Eskalation nicht vorantreibt. Darauf hat auch Fischer keine Antwort. Und er lässt nicht einmal durchblicken, ob seine amerikanischen Gesprächspartner schon mehr wissen, ob sich ein Szenario abzeichnet, ob es konkrete Anzeichen dafür gibt, dass die Amerikaner auf die brutalste Demütigung in ihrer Geschichte so besonnen antworten werden, wie Fischer zu vermuten nicht müde wird. Nur dass sich Deutschland auch militärisch beteiligen muss, steht für ihn außer Frage.

Das war nicht immer so. In der ersten Hälfte der neunziger Jahre galt Fischer die Forderung einer deutschen Beteiligung an humanitär begründeten militärischen Einsätzen als Versuch einer Remilitarisierung der deutschen Außenpolitik. Seither hat sich sein Blick auf die Rolle der Bundeswehr gewandelt. Ihr Einsatz ist für ihn heute ein legitimes, ja gebotenes Mittel, um Verbrechen wie im Kosovo Einhalt zu gebieten. Bündnistreue, das entschiedene Eintreten für die Menschenrechte und die Abwehr einer verhängnisvollen Wiederkehr aggressiv-nationalistischer Bestrebungen waren damals die Motive. Heute ist die Solidarität mit den USA, die über Jahrzehnte für den Schutz der Bundesrepublik eingestanden haben, ein starkes Motiv. Hinzu kommt, dass der Anschlag von New York schlagartig die Gefährdung der gesamten westlichen Welt offenbart hat. Aber täuscht es, dass Fischer darüber hinaus einen selbstverständlicheren Umgang mit der militärischen Option als willkommenen Einflussgewinn der Bundesrepublik wahrzunehmen beginnt? Im Kosovo jedenfalls konnte Fischer seine Rolle bei der Beendigung des Krieges nur deswegen überzeugend einnehmen, weil Deutschland sich zuvor militärisch beteiligt und der amerikanischen Kriegführung untergeordnet hatte.

Das militärische Engagement als Selbstzweck ist Fischers Sache nicht. Aber den Zusammenhang zwischen militärischer Einsatzbereitschaft und politischem Gewicht hat er im Blick. Er kennt den ungezwungeneren militärischen Umgang der Briten und Franzosen, und er möchte auf Dauer kein Bündnispartner zweiter Klasse sein. Das Folgemandat für Mazedonien ist auf seine Initiative hin entworfen worden. Einige Partner fühlten sich überrumpelt. Es werden mehr Soldaten als bisher sein - unter deutscher Führung. Auch das passt ins Bild.