Bundeskanzler und BND-Chef waren sich eigentlich einig. "Die Vorfeldaufklärung des Terrorismus", sagte Gerhard Schröder dem Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes, August Hanning, zu dessen Amtsantritt im Dezember 1998, "ist eine der wichtigsten Aufgaben des Bundesnachrichtendienstes." Dem stimmte Hanning zu: "Der internationale Terrorismus bleibt ein ganz wichtiges Aufklärungsgebiet."

Tatsächlich aber hatten damals die Pullacher Geheimdienstler im Kampf gegen den staatenübergreifenden Terrorismus schon fast kapituliert. "Wegen des geringen Ertrages" löschte die BND-Abteilung 2 (Technische Beschaffung) Anfang 1998 kurzerhand alle 500 Terrorismus-Suchbegriffe aus ihrer Spracherkennungssoftware. Anhand dieser Begriffe hatte das Programm den Geheimdienstlern bis dahin potenzielle Hinweise auf geplante Anschläge aus dem internationalen Telefonverkehr herausgefiltert. Theoretisch hätten Terroristen seitdem von Deutschland aus ganz unbemerkt transatlantische Operationspläne schmieden können - und zwar dreieinhalb Jahre lang. Erst seit wenigen Monaten durchsiebt der BND den Leitungs- und Funkverkehr wieder nach Reizworten wie "Stinger" oder "Kalaschnikow" - oder auch nach weniger markanten Vokabeln, die die Tonbandgeräte anspringen lassen. Erst im August dieses Jahres entstand beim BND eine eigenständige Terrorismus-Abteilung, um, wie es heißt, die "Verwurschtelung" zwischen den verschiedenen Zuständigkeiten zu beenden.

Den deutschen Nachrichtendiensten mangelt es nun nicht an Informationen. Im Gegenteil: Die elektronischen Datenstaubsauger liefern ihnen mehr davon, als die Auswerter verkraften. Es fehlt an Personal, an Fachleuten, die in der Lage wären, die Datenflut gewinnbringend zu kanalisieren und zu analysieren. Der BND erfasst täglich etwa 15 000 von 8 Millionen Telefonaten zwischen Deutschland und dem Ausland. Doch nur etwa 700 Gespräche enthalten möglicherweise Anhaltspunkte für eine Gefährdung der nationalen Sicherheit. Wer findet sie heraus? Die Experten des BND schaffen es höchstens, pro Tag 15 dieser Meldungen genau zu untersuchen. Von der Masse der Internet-Botschaften, mit raffinierter Verschlüsselungssoftware getarnt, ganz zu schweigen.

Auch die Sachkunde genügt nicht den neuen Herausforderungen. Kenner des BND berichten, dass viele der 6000 Mitarbeiter noch immer Experten für den Ost-West-Konflikt seien, die kaum Kenntnisse über den Mittleren Osten hätten. Zwar weist der BND selbst schon lange auf diesen eklatanten Mangel hin - doch sein "Alt-Personal" wird er so schnell nicht los. Zu viele elektronische Quellen, zu wenige fachkundige Auswerter - eine strukturelle Fehlentwicklung, unter der die Geheimdienste seit langem leiden. Schon nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor 1941 hatten die US-Nachrichtendienste entsetzt einsehen müssen, dass sie das Unbekannte mit dem Unwahrscheinlichen verwechselt hatten: Die Aufklärung registrierte kurz vor dem Bombardement massenhaft "Geräusche" - der Begriff wird im Abhörjargon für Meldungen verwandt, die in keinem Zusammenhang mit einem Bedrohungsszenario stehen - und verkannte deshalb die Gefahr der Signale.

Heute, da täglich unzählbare digitale Informationen um den Globus kreisen, ist das Risiko noch viel größer, auf der Suche nach der Nadel nicht einmal den richtigen Heuhaufen vor sich zu haben. Der Geheimdienstexperte des britischen Fachblattes Jane's Defence Weekly, Clifford Beal, beobachtet seit langem bei allen Nato-Staaten eine fatale Technikgläubigkeit: "Wir zahlen jetzt den Preis für zehn Jahre Nachlässigkeit, in Amerika wie in Europa. All die Technik hilft gar nichts, wenn man nicht weiß, wonach man sucht."

Und selbst wenn man es wüsste - der Technik der Terroristen, Botschaften in Bild- oder Tondateien zu verstecken, stehen die Nachrichtendienste noch machtlos gegenüber. "Es gibt für E-Mails Verschlüsselungsmöglichkeiten, die nicht zu knacken sind," sagt der Sprecher des Verfassungsschutzes, Hans-Gert Lange. Die Rede ist von Steganografie, dem Schreiben unter einer unverdächtigen Oberfläche. Schon der altgriechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, dass Machthaber ihren Sklaven Botschaften auf die kahl rasierte Kopfhaut tätowierten, um die Leibeigenen später, mit nachgewachsenen Haaren, durch feindliche Linien zu schicken. Über die heutige digitale Steganografie sagt Verfassungsschutzsprecher Lange: "Da kommt man nur mit menschlichen Quellen hinter." Aber statt zur klassischen Beschattung zurückzukehren, kopiert die Bundesregierung zielstrebig amerikanische Fehlstrategien. Im August beschloss sie den Bau eines europäischen Aufklärungssatelliten. Die Kosten, rund 600 Millionen Mark, entsprechen etwa dem Jahresetat des BND. Der Röntgensatellit wird auch durch geschlossene Wolkendecken noch Autonummernschilder lesen können. Die Motive der Fahrer aber kann er nicht entschlüsseln.