Was also ist das für einer, dieser Richter Schill? Der Mann, den sie ob seiner einst berüchtigten drakonischen Strafurteile "Richter Gnadenlos" nannten und der soeben bei der Hamburger Bürgerschaftswahl aus dem Stand 19,4 Prozent der Stimmen gewann? Ist er der deutsche Haider? Gar der Modellfall eines neuen europäischen Populismus? Oder doch nur, schlicht, aber gewaltig, der Hamburger Schill?

Ein Mann mit Wirkung jedenfalls. Nicht unbedingt auf junge, moderne Frauen. Die haben ihn am 23. September am wenigsten gewählt, wie die Wahlforscher berichten. Auch auf die Sympathisanten der Grünen und Alternativen wirkt er nicht attraktiv, selbst wenn die ihrer Partei, der GAL, in Scharen abhanden kamen. Die Leute hingegen, die zu Tausenden zu Schill gewechselt sind, von der SPD, der CDU, aus dem Reservoir der Rechtsextremisten, vor allem auch aus dem Nichtwählerbereich, die leben in einer anderen Welt. Für sie ist Schill einer, der Hoffnung macht, immerhin.

Doch von ihnen sind längst nicht alle alt oder arbeitslos oder ohne Bildung oder alles zusammen, wie erste Analysen glauben machen wollten. Angst vor Kriminalität, Unbehagen ob der ethnischen Zuwanderung, obendrein Unmut über alltägliche Unzulänglichkeiten in Ballungsräumen, ob Wohnungs- oder Verkehrsprobleme, dieses emotionale Gebräu brodelt nicht nur in "sozialen Brennpunkten" wie Hamburg-Wilhelmsburg, wo Schills "Rechtsstaatliche Offensive" in mehreren Wahllokalen auf über 40 Prozent kam. Selbst in ehedem rot-grünen Hochburgen, Altona etwa, holte Schill locker über 10 Prozent (während die FDP, die sich ihm und der CDU schon vor der Wahl an den Hals geworfen hatte, dort unter 5 Prozent blieb).

So ein Durchbruch ist nur möglich, wo andere viel versäumt haben. Vor allem die Volksparteien, vor allem die regierenden Sozialdemokraten. SPD und CDU haben beide ihr bisher zweitschlechtestes Nachkriegsergebnis erreicht, die Sozialdemokraten mit leichten Stimmgewinnen, die CDU mit kräftigen Verlusten. Die Verlierer werden gleichwohl den Bürgermeister stellen, die SPD geht nach 44 Jahren erst einmal in die Opposition. Ein Wechsel, der niemanden sonderlich bewegen würde, wäre da nicht eben jener Ronald Schill, 42, der auch noch Barnabas heißt (ein Vorname, den er wie ein Markenzeichen pflegt und der - wie man sieht - in keinem Artikel fehlt).

Ein deutscher Haider also? Dass alle auf ihn starren, die Aggressionen, die er auslöst, die Lust an der Provokation, die ihn umtreibt, und die Erfahrung, dass sein lokaler Erfolg Vibrationen bis in die Bundespolitik auslöst - das ist die Analogie zu dem Demagogen aus Kärnten, vor dem vor anderthalb Jahren noch die EU zitterte. Gewichtiger aber sind doch die Unterschiede. Sie reichen von der mentalen Nazikulisse im Hintergrund des Österreichers, die bei Schill fehlt, bis zu Haiders professioneller Parteimaschine, mit der verglichen Schills Apparat ein Bauchladen ist. Der Hamburger Populist profiliert sich als großsprecherischer Zucht-und-Ordnung-Politiker, verspricht ohne Skrupel die Schaffung perfekter innerer Sicherheit und hat von der politischen Wirklichkeit wenig Ahnung. Er macht Angst, gaukelt fertige Lösungen vor, und im Wahlkampf schreckte er auch vor Beleidigungen des Gegners nicht zurück. Doch in seiner Sprache findet man nichts von Haiders Entgleisungen. Schill ist auch kein Separatist wie der Norditaliener Bossi, noch hat er bislang antieuropäische Motive aufgegriffen, wie sie in Skandinavien, Polen oder Italien en vogue sind. So ist er zunächst noch ein Hamburger Fall, kein europäisches Modell.

Vor allem ist er ein Problem für Ole von Beust. Der CDU-Mann, 46 Jahre alt, soll schließlich Erster Bürgermeister werden, doch schon jetzt wirkt er neben dem riesigen Schill recht blass und schmächtig. Die beiden kennen einander schon lange, noch aus der Anwaltskanzlei, in der von Beust als Arbeitsrechtler begann und Schill irgendwann sich gleichfalls am Arbeitsrecht versuchte, bis er alsbald merkte, dass darin zwar knifflige Rechtsfragen stecken, aber kein Glamour. Strafrecht, das hat den Schill interessiert, wie Beust sich neulich schmunzelnd erinnerte. Koalieren mit dem Mann? Warum denn nicht? Das war vor der Wahl, bevor er etwa 35 000 Stimmen direkt an Schill verlor und auf 26,2 Prozent abstürzte. Ob der gestutzte Blonde dem rabiaten Riesen gewachsen ist? Die Frage begleitet von Beust von nun an. Sein Innensenator wird ihn allemal überragen. Und die im Schatten sieht man nicht.

In der Union verbreitet sich indessen die realpolitische Einsicht: Gegen Populisten rechts von der Union, gegen eine Bedrohung, wie sie unter Umständen von einem wie Schill auch außerhalb Hamburgs ausgehen könnte, womöglich von Schill selbst, ist nur ein Kraut gewachsen: die rechtzeitige Besetzung des stammtischpolitischen Terrains. Sie wird es nicht selbst Rechtsruck nennen, aber egal, wie es heißt, die Union wird natürlich weniger Rücksicht auf liberale Bedenkenträger nehmen. Leute vom Kaliber Beusts und anderer 26-Prozent-Kandidaten dürfen nur an den Tisch der Erwachsenen, wenn sie vorher ordentlich Eisen gefressen haben. Die Marschorder zeichnet sich ab: Links von Schily, dem sozialdemokratischen Bundesinnenminister, darf in der Union sowieso keiner marschieren, rechts von Schill sollte man freilich auch nicht gesehen werden. Schlingern verboten.