Es gießt. Es schüttet. Der Fahrtwind zerrt das Regenwasser schräg über die schmuddeligen Fenster des Vorortzuges. In dem rüttelnden Waggon führt ein Passagier eine langatmige Unterhaltung mit einem Haferkuchen und einer Coladose. London, wie es leibt und lebt.

Wimbledon. Tony Hawks steht unter einem großen Regenschirm am Straßenrand. Kurze Hose, Tennisschuhe, Tennispullover, Tennis von oben bis unten. Hoch gewachsen und schlaksig. Unter der Stirn ragt ein Erker aus dem Gesicht, den eine tiefe Falte über dem Nasenrücken größer erscheinen lässt, als er ist. Seine Augen fahren hin und wieder wie Echsenköpfe aus ihren Höhlen. Die Antenne des Mobiltelefons, das er in der Hand hält, hängt wie ein gebrochener Echsenschwanz zur Seite. Wenn er lacht, verzerrt sich seine Miene ungleichseitig über die hageren Wangen.

Hawks ist Komiker von Beruf. Vor zwei Jahren unternahm er eine Reise nach Irland. Die Reise war das Resultat einer Wette, abgeschlossen und schriftlich niedergelegt in einer trunkenen Nacht: "Hiermit wette ich mit Tony Hawks um 100 Pfund, dass er Irland nicht innerhalb eines Kalendermonats per Anhalter und mit einem Kühlschrank im Gepäck umrunden kann." Warum mit Kühlschrank? Er hatte vor Jahren einmal einen Mann mit so einem Ding an einer Straße in Irland stehen sehen. Ganz normal. Hawks schrieb ein Buch über das Unternehmen. Es begründete eine neue Form der Reiseliteratur und eine neue Philosophie, die "Kühlschrank-Philosophie".

In seinem zweiten Buch, das jetzt auf Deutsch erscheint, geht es um eine Tennisreise nach Moldawien. Und wieder um eine Wette. Nämlich darum, dass er alle elf Spieler der dortigen Fußballnationalmannschaft besiegen würde.

Hawks, stellt sich bald heraus, ist ein ganz rational denkender Mensch. Seine Miene mag an Mister Bean erinnern. Doch verglichen mit dem Mann im Vorortszug, der sich mit seinem Gebäck und einer Coladose unterhält, ist er eine Ausgeburt der Vernunft. Gut, zwischen ihm und dem Kühlschrank entspann sich auf der Tour durch Irland ein ähnlich intimes Verhältnis, das man am ehesten als Glaube an die Beseeltheit industrieller Produkte definieren kann. Aber ist das ein unnormales Phänomen? Reden "normale" Menschen denn nie mit Autos und Waschmaschinen? Malträtieren diese sogar, wenn sie kaputt gehen, als seien sie schuld an dem Malheur?

Hawks' Kühlschrank öffnete ihm wie eine Zaubertruhe die Tür in ein magisches Land, ein Land gastlichen Überschwangs und herzlicher Trunkenheit. Der irische Rundfunk verfolgte das Fortkommen des Herrn und seines treuen Haushaltsgerätes mit täglichen Bulletins und forderte die Hörer auf, nach dem Paar Ausschau zu halten und ihm weiterzuhelfen. Jetzt steht der Kühlschrank, auf Klinkersteinen aufgebockt, in seinem Wohnzimmer. Er ist mit Unterschriften übersät: Autogramme der Helfer bei der Inselumrundung.

Die Straße in Wimbledon, in der Hawks wohnt, ist still, als läge sie in einem großen Park. Man hört nicht einmal Flugzeuge am Himmel. Nur den Regen. Eine typisch englische Doppelhaushälfte, in der Einfahrt ein supergeiles, dunkelblaues Cabrio mit Aluminiumfelgen. Drinnen sieht es so aus, wie man das bei einem alleinstehenden Enddreißiger erwartet, der zur Macchiato trinkenden und in tiefstem Herzen konservativen Londoner Boheme gehören könnte. Auf der Anrichte liegen ein Sammelumschlag des WWF und Kräuterpillen. Eine Gitarre lehnt an der Wand. Auf dem baumumstandenen Rasen hinter dem Haus ein Rundbecken mit Springbrunnen in der Mitte. Der Regen plätschert auf einen gasgefeuerten Barbecueherd.