Wenn jemand weiß, wo sich Osama bin Laden derzeit aufhält, dann der pakistanische Geheimdienst Inter Services Intelligence (ISI). Doch ob das den Amerikanern viel nützt, ist fraglich. Sie haben kein eigenes Informationssystem innerhalb Afghanistans und sind fast ausschließlich auf die Erkenntnisse ihres engsten Verbündeten in der Region angewiesen, des ISI. "Aber die USA werden nie wissen, ob das, was sie da bekommen, Informationen oder Desinformationen sind", sagt ein pakistanischer Sicherheitsexperte.

Bis in die oberste Führung hinein wird der ISI von Islamisten dominiert. Über Jahre hat er eng mit Osama bin Laden zusammengearbeitet, dessen Truppen wurden von ISI-Ausbildern gedrillt. Mitglieder des pakistanischen Geheimdienstes kämpften und kämpfen noch heute in verschiedenen von bin Laden gelenkten islamistischen Gruppen. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Im Konflikt mit Indien um Kaschmir hat der ISI immer wieder von bin Laden militärische Unterstützung erhalten.

Zwar bilden Offiziere der pakistanischen Armee das Rückgrat des ISI. Die rekrutieren sich jedoch ebenfalls zu einem erheblichen Teil aus islamistischen Kreisen und sympathisieren offen mit den Taliban und bin Laden. Beide konnten nur durch die Unterstützung des ISI zum beherrschenden Machtfaktor in Afghanistan werden.

Die graue Eminenz des ISI, sein ehemaliger Chef General Hamid Gul, ist ein persönlicher Freund bin Ladens und mit diesem geschäftlich eng verbunden. Hamid Gul kontrolliert im Gebiet der Paschtunen auf beiden Seiten der pakistanisch-afghanischen Grenze mehrere Heroinküchen. Mit bin Laden organisiert er den Transport der Drogen durch die GUS-Staaten nach Europa. Hamid Gul bekennt sich zum "heiligen Krieg" gegen den Westen. Ebenso der stellvertretende Leiter des Geheimdienstes, General Mehmood Ahmed. Dass ausgerechnet die beiden, neben dem Diplomaten Aziz Khan, zur Delegation gehörten, die vergangene Woche Taliban-Chef Mohammad Omar zur Auslieferung bin Ladens bewegen sollte, stimmt westliche Sicherheitsexperten misstrauisch. "Das war nur Show für den Westen, ein Spiel auf Zeit", kommentieren westliche Geheimdienstler.

Niemand weiß, ob Pakistans Staatschef Musharraf seinen Geheimdienst noch im Griff hat. Zu eng sind die Verbindungen zwischen dem ISI, den Taliban und bin Laden. Der saudische Terrorist avancierte erst durch den pakistanischen Geheimdienst zum faktischen Verteidigungsminister der Taliban. Der ISI organisiert sogar bin Ladens persönliche Leibgarde.

Die Ausbildungslager des Topterroristen zu beiden Seiten der pakistanisch-afghanischen Grenze standen stets unter der Aufsicht des ISI, dessen Instrukteure die Mudschahidin zu einer schlagkräftigen Kriegertruppe schmiedeten. Finanziert wurden die Camps durch Hilfs- und Spendengelder aus Saudi-Arabien, den Golfemiraten und durch Drogengeschäfte. 90 Prozent des weltweiten Heroinbedarfs wird aus den afghanisch-pakistanischen Mohnanbaugebieten gewonnen. Für die Experten der amerikanischen Drogenfahndung DEA steht außer Frage, wer die Hintermänner des milliardenschweren Rauschgifthandels sind: die Taliban und wesentliche Teile des ISI.

Auch das engmaschige Netz der islamistischen Koranschulen entlang der pakistanisch-afghanischen Grenze wird vom ISI gelenkt. Die Schulen sind nicht nur Ausbildungslager für islamistischen Nachwuchs in Afghanistan, sie bilden auch das Reservoir für "heilige Krieger" in Pakistan. Keine Freitagspredigt, kein religiöses Rechtsgutachten, keine Demonstration der islamistischen Koranschüler wird ohne Wissen des ISI organisiert. Ob die militanten Proteste radikaler Islamisten in Peschawar und Karatschi, bei denen amerikanische Flaggen und George-Bush-Puppen verbrannt wurden, nur ein Ventil waren, um die explosive Lage zu entspannen, oder der Auftakt zu blutigen Auseinandersetzungen, die die amerikanischen Militäroperationen gefährden, hängt letztlich nur von einer Frage ab: Wer wird den Machtkampf zwischen der islamistischen und der westlichen Strömung innerhalb des ISI gewinnen?