Eigentlich sollte es ein Tag der Freude werden. Hochmögende Repräsentanten der Islamischen Republik Pakistan, einschließlich des Technologieministers und des Chefökonomen des Landes, hatten sich Ende vergangener Woche nach Berlin aufgemacht, um für ihre bettelarme Heimat zu werben. Das Land zwischen Arabischem Meer und Himalaya habe in den vergangenen zwei Jahren immense Fortschritte gemacht und biete jetzt vor allem eines: mannigfache Chancen für Investoren. Der Zeitpunkt sei "günstiger denn je", ließ der Chef der Investitionsbehörde in Islamabad, Waseem Haqqie, im Vorfeld des Treffens wissen.

Die mit den Verheißungen verbundenen Hoffnungen waren schon Makulatur, bevor die umworbenen Herrschaften von Siemens, Bosch, Linde und Co. zum Pakistan-Wirtschaftstag in Berlin eintrafen. Die Anschläge von New York und Washington und der von US-Präsident Bush ausgerufene Feldzug gegen das Böse hatten aus dem vermeintlichen Investoren-Paradies unversehens einen Frontstaat gemacht: 2430 Kilometer Grenze teilt Pakistan mit seinem westlichen Nachbarn Afghanistan, wo sich vermutlich der als Kopf des internationalen Terrorismus gejagte Osama bin Laden aufhält - nicht gerade ein Umstand, der Investoren ermuntert, aktiv zu werden.

"Abwarten", sagt der Wirtschaftsexperte Talat Mahmood vom Wissenschaftszentrum Berlin, sei für viele hiesige Unternehmen nun das Gebot der Stunde - obwohl zwecks Stabilisierung der Lage im Nahen und Mittleren Osten genau das Gegenteil hilfreich wäre: mehr ausländisches Engagement.

Schon bisher sind die Segnungen der Globalisierung an vielen Ländern der Krisenregion vorbeigegangen. "Die gehören zu den Absteigern", sagt Franz Nuscheler, Professor für vergleichende und internationale Politik an der Universität Duisburg. Tatsächlich haben sich in den neunziger Jahren die ökonomischen Verflechtungen aller Ländergruppen intensiviert; doch ausgerechnet die 17 von den Vereinten Nationen als "arabisch" etikettierten Länder blieben davon unberührt. Nach Angaben des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) sank dort zwischen 1990 und 1999 der Anteil der Waren- und Dienstleistungsimporte am Inlandsprodukt von 40 auf 30 Prozent, während die entsprechende Relation beim Export von 40 auf 34 Prozent schrumpfte. Zwar ist die Abkopplung auch Ausdruck dafür, dass vor allem in den Öl exportierenden Staaten eigene Industrien entstanden sind und deshalb die zum Teil extreme Abhängigkeit vom Außenhandel sank. Gleichwohl: Während sich Malaysia, Thailand und China in den vergangenen zehn Jahren stärker in den Weltmarkt integrierten und Fortschritte bei der Armutsbekämpfung verbuchen konnten, stagniert die Zahl der armen Menschen im Mittleren Osten und in Nordafrika. Die Region droht zum Paria der Globalisierung zu werden.

Viele Kinder, wenig Wohlstand

Länder wie der Sudan oder der Jemen zählen gar zu den least developed countries, wie die Gruppe der Habenichtse im UN-Jargon heißt. Doch selbst in Staaten, die nicht zu den Schlusslichtern zählen, kommt der Fortschritt quälend langsam daher. Ein Grund dafür: Nirgendwo, außer in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara, gebären die Frauen so viele Nachkommen wie in den muslimischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Das Pro-Kopf-Einkommen stieg deshalb in Oman während der gesamten neunziger Jahre mit einer jährlichen Rate von nicht mehr als 0,3 Prozent, in Jordanien waren es 1,1 und in Pakistan 1,3 Prozent. Hoffnung auf bessere Zeiten kann angesichts solchen Schneckentempos der Entwicklung kaum keimen. Stattdessen gehören Unterernährung und hohes Analphabetentum zum Alltag vieler islamischer Staaten - während die Militärausgaben internationale Spitzenwerte erreichen und die öffentlichen Budgets für Bildung und Gesundheit mitunter weit übersteigen (siehe Tabelle).

Zum Beispiel der Atomstaat Pakistan, derzeit besonders in die Antiterroroffensive involviert: Das Land sei nicht nur arm und überbevölkert, sondern leide auch unter "innenpolitischen Spannungen, dem Mangel an Auslandsinvestitionen und einer kostspieligen Konfrontation mit dem Nachbarland Indien", heißt es in der jüngsten Ausgabe des "World Factbook", das der amerikanische Geheimdienst CIA herausgibt. Das Wirtschaftswachstum stehe und falle mit der jeweiligen Ernte von Reis und Baumwolle, die Importrechnung habe wegen der hohen Ölpreise schwindelerregende Höhen erreicht, und neben den ausländischen hielten sich auch heimische Unternehmer mit dem Investieren zurück. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen entspricht laut UNDP der Kaufkraft von lausigen fünf Dollar am Tag, ein Fünftel der Bevölkerung leidet Hunger.