Wie lange man das aushalten kann? Sehr lange. Terrorexperten behaupten, dass es so lange zu ertragen ist, wie die Situation als existenzielle Bedrohung wahrgenommen wird. Hier in Israel tun wir das alle. Und jetzt tun es auch viele andere Menschen auf der Erde, die den Terror in den USA als eine Bedrohung ihrer eigenen Existenz oder ihrer Werte allgemein betrachten.

Jeder wird sein eigener Verteidigungsminister

Wie soll man sich verhalten? Ganz einfach. Man steht jeden Tag auf und wird zu seinem eigenen Verteidigungsminister. Niemand kann sagen, wo es sicher ist und wo Gefahren lauern. Soll man überhaupt einkaufen gehen, und wenn ja, wo? Soll man sich einen Film ansehen, und wenn ja, in welchem Kino? Es gibt keine verbindlichen Richtlinien, keine Handbücher, die Auskunft geben, ob man sein Kind mit dem Bus zur Schule fahren lässt oder nicht. Eine Zeit lang gehörte es in Israel zum Allgemeinwissen, dass geschlossene Einkaufszentren die gefährlichsten Plätze sind. Einige Terroranschläge fanden in Einkaufszentren statt. Heute ist das anders. Der Terrorismus wird jetzt auf der Straße ausgeübt. Einkaufszentren scheinen heute sicherer geworden zu sein, denn dort arbeiten viele Wachleute, einige in Uniform, andere in Zivil. Nur ein Verrückter würde sich mit einer Bombe hineintrauen. Andererseits geht es hier aber um Verrückte. Denn nur Verrückte werden zu wandelnden Selbstmordbomben, um die Botschaft zu senden, dass sie nicht zufrieden sind mit dieser Welt. Die Menschen, die das aus politischen oder religiösen Gründen tun, sind nicht zu verstehen. Manchmal tun sie mir leid, aber meistens kann ich ihr Tun unmöglich nachvollziehen.

Schon sehr bald gehen diese Berechnungen der eigenen Sicherheit nicht mehr auf. Dann lässt man es. Erst wenn sich diese Resignation breit macht, versteht man die wahre Natur des Terrors: seine Willkür und die daraus resultierende Ohnmacht. Am Anfang versucht man noch dagegen anzukämpfen. Man gibt zwar die Restaurantbesuche nicht auf, aber man schaut sich vorher genau um. Dann überlegt man sich, wo man sitzen soll: Der Tisch am Fenster scheint eine gute Wahl zu sein. Man kann schnell durch das Fenster entkommen. Andererseits ist die Gefahr der Verletzung durch das Glas im Falle einer Explosion größer. Also fragt man den Kellner um Rat. Jedes halbwüchsige Mädchen, das als Bedienung arbeitet, wird so zur offiziellen Beraterin in Sachen Terrorismus. "Das ist ein sicherer Tisch", sagt das Mädchen mit autoritärer Stimme. Und man hört auf sie, weil es keine andere Autorität gibt.

Irgendwann sagt man seinen Kindern sogar gar nicht mehr, wohin sie gehen dürfen und wohin besser nicht. Man fürchtet sich vor der Verantwortung. Und damit entfaltet der Terrorismus seine zersetzende Kraft. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass die Angst vor einem Terroranschlag größer ist als die Angst vor einem Autounfall, obwohl statistisch gesehen die Gefahr eines Autounfalls viel größer ist. Der Unterschied besteht darin, dass man im Fall eines Autounfalls zumindest die Illusion der Kontrolle über sein Leben hat. Im Falle des Terrorismus hat man sie nicht. Das ist furchteinflößend und erniedrigend.

Manchmal hat die Tragik auch komische Elemente. Vor einigen Wochen fuhr ich für eine Reportage in ein Siedlungsgebiet. Als mein eigener Sicherheitsberater beschloss ich, nicht mein Auto, sondern den Bus zu nehmen - denn einen Tag vor der geplanten Reise waren zwei Frauen auf der einzigen Straße, die zu dieser Siedlung führt, aus dem Hinterhalt überfallen und getötet worden. Die Busse, sagte ich mir, sind zumindest gegen Steine geschützt, manche sind sogar kugelsicher. Zufrieden über meine kluge Entscheidung, ging ich zum Busbahnhof und suchte nach dem richtigen Bus.

Den Gefahren trotzen - oder lieber im Bett bleiben?