Nichts werde mehr so sein wie vorher, hieß es nach dem Anschlag vom 11. September 2001. Auf eines trifft das gewiss zu: auf unser Verhältnis zu Amerika. Schockartig ist deutlich geworden, dass die stets für übermächtig gehaltenen Vereinigten Staaten verletzlich sind - und mit ihnen die gesamte freiheitliche, pluralistische Zivilisation des Westens. Trotz aller modischen Diagnosen von der wachsenden politischen, ökonomischen und kulturellen Entfremdung der atlantischen Partner: Gerade jetzt erweist sich, wie dicht Wohl und Wehe der amerikanischen und der europäischen demokratischen Gesellschaften beeinander liegen.

Für die Deutschen bedeutet dies das Ende seliger Unmündigkeit. Vorbei die Zeiten, da man dem starken Übervater die Weltpolizistenrolle zuschieben und sich im sicheren Feuerschutz über seine Unfähigkeit oder Brutalität mokieren konnte. Mehr kritisches Selbstbewusstsein im Umgang mit dem großen Freund ist ohne Übernahme von politisch-militärischer Verantwortung nicht zu haben.

Als sträube man sich mit aller Kraft gegen diese Einsicht, tauchen in Teilen der deutschen Öffentlichkeit jetzt noch einmal die vertrauten antiamerikanischen Reflexe auf. Es geht dabei um eine unterschwellige, kulturkritisch begründete Verdachtshaltung, die der als geist- und kulturlos verschrienen amerikanischen Politik und Gesellschaft im Zweifelsfalle nur das Schlechteste zutraut. Solidaritätskundgebungen mit den Opfern von New York und Washington haben sich schnell in Bittkundgebungen an die US-Regierung verwandelt, sie möge bei ihren Gegenmaßnahmen Vernunft walten und sich nicht von "blinder Rache" leiten lassen.

Die gebetsmühlenartige Wiederholung dieser Mahnung auf den Straßen, in Fernsehdiskussionen und von Kirchenkanzeln herab hat seltsam autistische Züge angenommen. Ob deutsche Islamexperten die Ignoranz der amerikanischen Außenpolitik gegenüber den kulturellen Empfindlichkeiten des Orients geißeln oder Friedensaktivisten die Massenmorde von New York und Washington (laut taz vom 24. September) eine "Verzweiflungstat" gegen die "westliche Politik der Spaltung der Welt in Arm und Reich" nennen: Stets schwingt die Unterstellung mit, Amerika habe das Unheil, von dem es getroffen wurde, in gewissem Maße selbst provoziert und es gehe von den USA möglicherweise eine noch größere Bedrohung für den Weltfrieden aus als von den islamistischen Apokalyptikern, die der gesamten Zivilisation den Krieg erklärt haben.

Wohlfeile Selbstüberhebung

Dabei überwindet die amerikanische Gesellschaft ihren Schmerz keineswegs durch Hassausbrüche, sondern richtet sich an der Bekräftigung ihres Bekenntnisses zu individueller Freiheit, Pluralismus und religiöser Toleranz wieder auf. Doch während die US-Administration geduldig an einer weltweiten Koalition gegen den Terror arbeitet, klammern sich einige deutsche Intellektuelle zwanghaft an das Zerrbild von den tumben, schießwütigen Rambos mit ihrer "alttestamentarischen" Vergeltungslogik. So beklagt Peter Sloterdijk im Focus mit Blick auf Präsident Bush, "dass die Geschicke der Welt zur Stunde in der Hand eines Mannes liegen, der wie ein leseschwacher Nebukadnezar wutkrank auf die Flammenschrift starrt".

So weit abseits der Realität wirken diese Rituale wohlfeiler Selbstüberhebung inzwischen, dass zu hoffen ist: Bald könnten die projektiven Fantasien, die eine realistische Diskussion über unser zukünftiges Verhältnis zu den Vereinigten Staaten blockieren, aufgebraucht sein.