Es sieht nur so aus wie Gerechtigkeit. Zum ersten Mal in der deutschen Finanzgeschichte haben Richter einem enttäuschten Kleinanleger Schadensersatz zugesprochen. Rund 100 000 Mark müssen die beiden Gründer des insolventen Softwareunternehmens Infomatec einem Aktionär überweisen. Der Grund: Sie logen. In einer so genannten Ad-hoc-Mitteilung hatten die beiden mit einem Großauftrag angegeben - der sich später als viel kleiner entpuppte. Als die Wahrheit herauskam, stürzte der Börsenkurs ab und riss die Hoffnungen vieler Privatanleger mit sich. Heute kostet eine Infomatec-Aktie so viel wie eine Lakritzschnecke am Kiosk: zwei Groschen.

Die Zeit des Jubelns ist allerdings noch nicht gekommen. Das Urteil des Augsburger Landgerichts mag zwar all jene beruhigen, die sich von den Hauptdarstellern am Neuen Markt geblendet und ausgenommen sehen. Ein Präzedenzfall ist die Entscheidung deswegen noch lange nicht - andere Gerichte haben dieselben rechtlichen Fragen ganz anders beurteilt. Nach wie vor ist völlig unklar, welche Risiken ein Kleinanleger überhaupt tragen muss. Darf er irgendwelche Mitteilungen einfach so glauben? Kann er sich darauf verlassen, dass ihn Banken nicht über den Tisch ziehen, wenn ihre Analysten zum Aktienkauf raten?

Solange nicht alle grundlegenden Fragen gesetzlich geregelt oder durch Urteile der obersten Bundesgerichte geklärt sind, haben die unteren Instanzen sehr viel Spielraum zur Interpretation. Mal entscheiden sie für den Kleinanleger, mal gegen ihn. Der Urteilsspruch aus Augsburg ist daher nur ein halber Sieg. Und ob der vorerst siegreiche Dortmunder Metzger seine 100 000 Mark tatsächlich bekommt, ist längst noch nicht klar.

Immerhin hat die unsichere Lage einen großen Vorteil: Solange sich die Aktionäre und die Vorstände von Pleiteunternehmen noch Chancen ausrechnen, werden sie immer wieder Rechtsmittel einlegen und sich gegenseitig bis vor den Bundesgerichtshof zerren. Das wird vermutlich Jahre dauern. Dann aber wird einigermaßen verlässlich feststehen, wie viel sich Kleinanleger von Banken und geldgierigen Jungunternehmern bieten lassen müssen. Rechtssicherheit kann beim Aufbau einer deutschen Aktienkultur nur helfen.

Bloß einer freut sich heute schon: Klaus Rotter. Der juristische Beistand des Augsburger Klägers ist ein prominenter Vertreter der jungen Gattung der Anlegeranwälte. Er war schneller als seine Konkurrenten. Mit dem gewonnenen Prozess kann er die anderen 250 Anleger bei der Stange halten, die er gegen Infomatec vertritt - und neue Mandate gewinnen. Prompt rief er einen großen Tag für den Anlegerschutz aus. Es dürfte wohl eher ein großer Tag für die Anwaltschaft sein.