Es muss eine sehr einschneidende Erfahrung sein, von rechtsradikalen Skins ins Wasser geworfen zu werden. Bernhard Schlink lässt den Helden seines jüngsten Kriminalromans, den Detektiv Selb, diese Erfahrung mit allem Drum und Dran machen: Anpöbelung und Bedrohung durch die Glatzen am Bahnsteig einer Hochbahn in Berlin, Aufforderung zum Hitlergruß, danach in hohem Bogen ab in den Landwehrkanal. Doch kurz darauf muss Herr Selb noch einmal ins Wasser: Diesmal sind es linke, antifaschistisch gesinnte Punker, die den vermeintlichen alten Nazi, den sie beim Hitlergruß beobachtet hatten, mit dem kalten Bad bestrafen. Aus der einschneidenden Erfahrung erwächst durch die Verdoppelung ein höherer Gesichtspunkt: Fanatismus ist schlimm.

Will man benennen, was an Schlinks Schreiben bald langweilt, am Ende aber förmlich unangenehm berührt, dann ist es dieser höhere Gesichtspunkt, der alles in seinem Erzählen regelt, steuert und aufhebt. Schlink schafft das scheinbar Unmögliche, er schreibt Spannungsliteratur nach der Methode Weizsäcker: einerseits, andererseits, dennoch. Einerseits ist der Bankier Welker das Opfer eines Verbrechens - er wird von einem Faktotum und Hausgenossen, der sich mit der Russenmafia eingelassen hat, gefangen gehalten und erpresst -, andererseits ist aber gerade jener Hausgenosse des Bankiers ursprünglich auch dessen Opfer, denn er entstammt der Familie eines jüdischen Teilhabers, die im "Dritten Reich" um ihre Anteile an dem Bankhaus geprellt wurde; dennoch aber bleibt Schuld Schuld, und die kriminalistische Aufklärung führt auf jenen seit Mitte des Buches absehbaren höheren Gesichtspunkt, dass kein Verbrechen ein anderes rechtfertigen darf. Um die enervierende Ausgewogenheit zu vervollständigen, gibt das Motiv der Russenmafia dem Roman Gelegenheit, auch die Probleme der neuen Bundesländer einzuarbeiten: Das Stammhaus des Bankiers ist in Mannheim angesiedelt, die mafiösen Geldwäschegeschäfte der Russen dagegen werden in dem nach der Wende erworbenen Filialnetz einer sorbischen(!) Genossenschaftsbank zu Cottbus abgewickelt.

Das alles ist mindestens ranschmeißerisch, kälter darf man sagen: Es handelt sich um einen schweren Fall von Schleimerei. Bernhard Schlink ist mit seinem Vorleser vor fünf Jahren ein beeindruckender Roman gelungen. Dessen erste Hälfte - die Geschichte der erotischen Initiation eines Jungen durch eine ältere Frau - ließ einen autobiografischen Glutkern erahnen, dem eine lakonisch zurückgenommene Sprache höchste Wirksamkeit sicherte. Schon die zweite Hälfte war mehr Aufarbeitung als Poesie, sie verlief sich im Konventionellen einer Vergangenheitsrecherche mit den mittlerweile üblichen grellen Effekten (jene Frau entpuppt sich als Analphabetin, die einst als KZ-Wärterin gedient hat). Der Erfolg des Vorlesers war verdient und groß - so groß, dass Bernhard Schlink heute einer der bekanntesten deutschen Autoren in der ganzen Welt ist. Die jubelnde Kritik, geblendet vom frappierenden stofflichen Reiz des Buches, überschätzte jedoch seine stilistischen Qualitäten.

Schlinks nächstes Buch, der Erzählungsband Liebesfluchten zeigte dann den ästhetisch-moralischen Opportunismus des Autors nicht etwa in grellem Licht, sondern in der schummrigen Beleuchtung des Kitsches: Diktaturopfer und -täter von "Drittem Reich" und DDR verknäulten sich bereits hier in der unheilvollsten, nämlich bitter-süßen Weise. Nun liegt also mit Selbs Mord - die Peinlichkeit des Titels mag man mit dem Henscheidschen Schweigen des Mantels bedecken - die dritte Folge einer Kriminalromantrilogie vor, die ohne Schlinks Erfolge schwerlich in den Blick der Literaturkritik gekommen wäre.

Das Buch ist ausbalanciert wie eine Rede zum 8. Mai, überkonstruiert, ohne dass Atmosphäre diesen Mangel ausgliche, und von aufdringlicher Kultiviertheit. Selb, der alternde Detektiv - naturgemäß hat er eine nationalsozialistisch belastete Vergangenheit -, herzkrank, liiert mit einer jüngeren Frau, ist Gourmet. Selbst im deutschen Osten weiß er die einfach-guten Dinge zu schätzen: "Es gab Kartoffeln mit Quark und dazu Lausitzer Urquell, ein Bier aus der Gegend, mit hopfigem Biss, aber weich im Abgang." So ist dieses Erzählen: mit Gewissensbiss, aber abgeklärt im Abgang, Lesefutter fürs Justemilieu.

Bernhard Schlink:Selbs Mord Roman; Diogenes Verlag, Zürich 2001; 266 S., 39,80 DM