Wir haben im Kino nicht viel Zeit, eine Figur kennen zu lernen. Eineinhalb, manchmal zweieinhalb Stunden. Um diesen Mangel auszugleichen, denken sich Autoren und Regisseure möglichst dichte, sprechende Szenen aus: Erkennungseffekte zum schnelleren Ausmalen eines Charakters. Je dichter die Szenen, desto deutlicher die Figuren. Aber vielleicht verliert eine Figur ja auch, indem sie an Deutlichkeit gewinnt. Oder der Zuschauer verliert: das Interesse - weil er plötzlich den Bauplan einer Figur begreift. Das kann sie ums Leben bringen. Sie handelt nur noch nach Schema und ist damit zum Abhaken freigegeben.

Angela Schanelec begegnet dem Problem mit der Zeitnot andersherum. Bevor sie auf die Schnelle zu viel erzählt, bremst sie lieber ab und zeigt nur Bruchstücke. Sie versucht gar nicht erst, einen Charakter mit Werkzeug aus der Drehbuchschule zügig aus dem Boden zu stampfen, um ihn dann passgenau in eine Geschichte zu setzen nach den Vorschriften dramaturgisch optimierter Zuschauerlenkung. Sie spielt, über Bande, mit der natürlichen Fantasie jedes Zuschauers. Der Zuschauer bastelt ja gleich im Geiste drauflos, wenn er Filme sieht mit Menschen drin, unwillkürlich zieht er Schlüsse, sucht Motive, verknüpft und vermutet in den Raum hinein. Angela Schanelec gibt ihm dafür viel Freiheit und Zeit. Denn ihr kommt es nicht nur auf den Gegenstand an, sondern auch auf den Blick, der ihm gilt. Jede Einstellung zeigt etwas; aber jede Einstellung erzählt auch vom Willen, etwas zu erfahren. Angela Schanelec verfugt keine Bausteine des Wissens, sie arrangiert Inseln des Interesses.

Zwei Frauen sitzen in einem Café, durchs Fenster leuchtet der Sommer herein. Sophie verlässt Berlin für ein halbes Jahr, Valerie bleibt da. Mein langsames Leben bleibt auch da, einen Sommer und einen Herbst lang in Berlin, hält sich nur kurz zwischendurch einmal in Paris und einmal in Süddeutschland auf. Am Ende ist Sophie wieder da. Sie wartet im Café auf Valerie, die nicht kommt, und redet mit dem Mann am Nebentisch über ihr halbes Jahr in Rom. "Irgendwie war ich die ganze Zeit ein bisschen aufgeregt und ein bisschen gelangweilt, immer in Erwartung."

Mit wenigen Sätzen faltet Sophie ihre Erfahrung zusammen. Das ist so ihre Art. Sobald ein Label passt zu einer Episode Leben: draufgeklebt, abgeschlossen. Valerie ist ganz anders, sie schließt nichts ab, sondern hält ihre Tage offen. Sie führt das langsame Leben. Zumindest sieht es so aus. Genaues weiß man nicht. Immer in Erwartung - so treibt man auch durch Angela Schanelecs Film. Immer will man mehr wissen, selten bekommt man das Passende gezeigt. Stattdessen neue Schnipsel Alltag; die jedoch in aller Ausführlichkeit. Insgesamt geschieht sehr wenig über 85 Minuten hinweg. Doch mit ihrer Mischung aus scheinbaren Nebensächlichkeiten und angedeuteten Hauptsachen erreicht Schanelec eine faszinierende Dichte, die auch deshalb so erstaunlich ist, weil man sie kaum für möglich hält - gemessen am Grad der Luftigkeit, die sich die Regisseurin beim Zusammenfügen der Einzelteile erlaubt.

Der Film entnimmt Stichproben aus einer Zwischenzeit. Die Kamera sieht in die Szenen hinein, als handele es sich dabei um wertvolle Fundstücke, die es genau zu studieren gilt. Was man nicht sieht, aber spürt, sind die Auslassungen. Ein Schnitt trennt Wochen, manchmal Monate. Die Augenblicke der größten Aufregung werden ausgespart. Man bekommt nur ihren Vorschein zu sehen oder ihre Nachwirkungen. Valerie ist bei Marie und ihrer neunjährigen Tochter Clara eingezogen. Maries Mann Alexander hat eine Zweitwohnung und ein Verhältnis. Valerie beginnt eine Beziehung mit Maries Bruder Thomas. Thomas fährt nach Paris, um Fotos zu machen, Valerie nach Süddeutschland, um ihren Vater im Krankenhaus zu besuchen. Maries Kindermädchen Maria heiratet, mit 21 Jahren. Marias Vater sagt: "Ich denke manchmal, dass ich gar nicht so viel von ihr weiß; aber man kann über einen Menschen nicht alles wissen."

Das nüchterne Leuchten

Es gibt ein paar Kinder in Mein langsames Leben und ein paar ältere Menschen. Dazwischen hocken die thirtysomethings, um die es eigentlich geht. Der Schatten der Gedämpftheit hat sich über ihr Leben gelegt, sie gleiten in die üblichen Bahnen hinein und spielen Mensch ärgere Dich nicht, wenn es die Kinder so wollen. Schwer zu sagen, ob sie unzufrieden sind oder nachdenklich werden. Jedenfalls denkt der Zuschauer nach, weil im Grunde mit jeder Szene die Figuren befragt werden. Nur selten redet jemand so am Stück wie Linda, eine Bekannte, die Thomas und Valerie auf einer Parkbank treffen, unter einem rauschenden Baum im Sonnenlicht. Lindas Schwester hat einen Afrikaner geheiratet, und dessen arglose Fröhlichkeit macht sie ärgerlich: "Das Problem ist, dass ich merke, wie ich bin, und so nicht sein will." Aber wie will sie sein? "Wenn man erst mal Kinder hat, dann weiß man schon eher, was zu tun ist."