Nach Auschwitz keine Gedichte? Nach dem Totalterror in New York keine Comedy? Remember, remember the eleventh of September. Für die Popkultur scheint guter Rat billig zu sein: Am Broadway schließen die Musical-Produktionen (Mel Brooks darf bleiben); in den US-Radios wird Louis Armstrongs What a wonderful world nicht mehr gesendet. Und bei uns?

Harald Schmidt hatte die ewige Lachhaftigkeit sowieso satt - er wollte schon seit einem Jahr ins pathetische Fach wechseln. Die Theaterkritiker empfahlen seit längerem den Jungregisseuren, besser gleich die Bühnen zu schließen, als diese bemühten und doch bloß peinlichen Inszenierungen vom Herumlungern und Herumrammeln fortzusetzen.

Jetzt wäre Gelegenheit, ohne Furcht vor Imageverlust und Regressansprüchen der Kulturunternehmer das öde Provogrunzen und die blöden Lachläden für ein Jahr zu schließen. Dann hätten alle die Dreistigkeit des Unterhaltungsgewerbes vergessen und könnten guten Mutes von vorn beginnen. So weit die vom Terror erzwungene Eichung der Popkultur am sich verbietenden und damit verbotenen Unernst. Und so weit auch der Ethikrat für die Popkultur.

Ist das auch der Rat der Pop-Art? Also des Ernstes der Witze, der radikalen Zyne, der Subversion des etablierten Selbstbewusstseins? Pop-Art (siehe Warhol) war vor allem eine Strategie zur Aushebelung der Popkultur, zu ihrer Enttarnung und Neutralisierung. Pop-Art befolgte die Maxime, man solle jeden Wahrheitsanspruch und jede Weltgewissheit der Kulturen so 150-prozentig bejahen, bis sie vor lauter Kraft nicht mehr laufen können und vor Aufgeblasenheit platzen.

Das hieß negative Affirmation. Sie zielt auf die Eichung der Kultur am Verbot des Ernstfalls für zivilisierte Menschen: Null-Tote-Doktrin, Krieg nur zur Verhinderung von Kriegen, Intervention zur Vermeidung blutiger Streitfälle. Für die Pop-Art hieß das: keine Grenzüberschreitung mehr von Kunst und Leben, keine Hungerleiderei, um glaubwürdig zu werden, kein Märtyrertum aus Werkgerechtigkeit, keine Askese aus Pflichtgefühl und kein Sündenstolz durch die Größe barbarischer Akte, die man als Kunst tarnt. Aber gerade aus der Verpflichtung auf den verbotenen Ernstfall formuliert sich der Rat aus dem Ethos der Pop-Art. Es war und ist ein Schwindel zu behaupten, das Spiel der Zeichen bestimme die Realität, welche deshalb nur noch als virtuelle Realität verstanden werden dürfe.

Das philosophische Getue der Simulakrenbeschwörer war immer nur eine lachhafte Nummer der Popkultur - ohne Kunstverstand oder befreiende Ironie. Von Derrida bis Baudrillard reichte die Parade der Zeichenjongleure. Aber buchstäblich jede Hausfrau weiß genau zwischen Vorher/Nachher-Abbildungen einerseits und der eigenen Diätkur andererseits zu unterscheiden, zwischen Speisekarten und Speisen, zwischen Videospiel und WTC-Katastrophe. Alle wissen es, nur die Philosophen nicht. Unser Rat: Zur Hausfrau mit Sinn für Pop-Art umschulen.

Der Autor lehrt Ästhetik als Professor an der Gesamthochschule Wuppertal. Er selbst bezeichnet sich unter anderem als "Schausteller, der als Beispielgeber in die Rolle des Dichters, Denkers, Performers, Künstlers oder Philosophen schlüpft"