Schon seit längerem hatte das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen die Börsen mit wachsendem Unbehagen beobachtet. Am 7. September schlugen die Aufseher endgültig Alarm. In einem Rundschreiben mahnten sie alle Lebensversicherer, ihre Kapitalanlagen einem "Stresstest" zu unterziehen. Das heißt, sie sollten einen Börsencrash von 20 bis 30 Prozent und dessen Auswirkungen auf die Verzinsung der Versichertenguthaben simulieren. Das Ziel dieser ungewöhnlichen Intervention: bei allen Versicherern das Risikobewusstsein hinsichtlich ihrer Aktienengagements zu stärken. Es sei, so die Sorge der Bonner Experten, nicht überall ausreichend vorhanden gewesen. "Es gibt Unternehmen, die nach dem Prinzip Hoffnung verfahren und keinerlei Änderung ihrer Anlagepolitik vorgenommen haben", beschreibt Amtssprecher Karl Leute die Situation.

Für die Versicherungsunternehmen aber kam der Weckruf des Amtes zu spät - ihnen blieb nämlich überhaupt keine Zeit mehr, zu reagieren. Denn nur vier Tage nach der Briefaktion war aus dem Test- der Ernstfall geworden. Der Terroranschlag auf das World Trade Center und das Pentagon in Washington ließ die Aktienkurse weltweit senkrecht in die Tiefe stürzen - zeitweilig verlor der Dax rund 25 Prozent.

Vom Börsenfieber angesteckt

Die Folge: Viele Deutsche müssen nun damit rechnen, dass ihre Lebensversicherungen weniger wert sind, als sie bislang einkalkuliert haben, da die Versicherer die Notbremse ziehen und die Gewinnbeteiligungen kürzen. Der Wertverlust kann durchaus erheblich sein. Bei einem Sparanteil von jährlich 1500 Mark, so hat der Bund der Versicherten errechnet, verliert ein Versicherter 3500 Mark, wenn die Rendite während fünf Jahren von 7 Prozent auf 6,5 Prozent gesenkt wird. Bleibt sie insgesamt zehn Jahre auf dem niedrigeren Niveau, erhöht sich der Verlust auf rund 6500 Mark. Selbst große Lebensversicherer aber hat die Börsenbaisse auf dem falschen Fuß erwischt, auch sie müssen voraussichtlich die Verzinsung der Versichertenguthaben aufgrund der Börsenverluste deutlich senken - für wie lange, ist derzeit noch völlig unklar.

Wie Tausende von Kleinanlegern haben die meisten Versicherungsunternehmen erst in jüngster Zeit verstärkt in Aktien investiert. Noch 1995 hatten die deutschen Lebensversicherer lediglich rund 90 Milliarden Mark oder 12,5 Prozent ihres Kapitals für Aktien und Investmentfonds ausgegeben. Bis Ende vergangenen Jahres war dieser Anteil aber auf 26,4 Prozent hochgeschnellt. Allein 1999 und 2000 investierte die Branche 90 Milliarden Mark an der Börse - zu einem Zeitpunkt also, als viele Aktien schon zu Rekordkursen notierten. Seither haben aber nicht nur viele Papiere der New Economy kräftig verloren, auch so genannte Blue Chips sind im Vergleich zu den Höchstständen oft lediglich noch die Hälfte wert. Entsprechend hoch ist der Abschreibungsbedarf bei den Versicherern.

Als Erste reagierte die Hannoversche Leben auf das jüngste Börsendesaster. Nur drei Stunden nachdem die Flugzeuge in das New Yorker Wahrzeichen gerast waren, teilte sie per Presseerklärung mit, dass sich das Unternehmen "aufgrund der katastrophalen Entwicklungen am Kapitalmarkt entschlossen" habe, die "Gewinnsätze ... auf fünf Prozent zu reduzieren" - von 6,75 Prozent im vergangenen Jahr.

Am Dienstag vergangener Woche kam dann der Marktführer Allianz mit einer deutlichen Warnung aus der Deckung. Es sei fraglich, offenbarte Eckhard Hütter, Produktvorstand der Allianz Leben der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ob die Allianz die Verzinsung von bislang 7,3 bis 7,5 Prozent im nächsten Jahr leisten könne. Ganz offenbar denkt man in Stuttgart ernsthaft darüber nach, die Verzinsung auf 6,5 oder sogar 6 Prozent zu senken, auch wenn, wie Vorstand Hütter betont, erst im November definitiv entschieden werde. Hütter: "Wir haben noch Reserven, aber wir kommen an Grenzen." Auch der Marktführer hat sich nämlich vom weltweiten Börsenfieber anstecken lassen: Zwischen 1995 und 2000 ist der Aktienanteil der Allianz von 8,9 auf 20,8 Prozent gestiegen - entsprechend hoch sind nun die Buchverluste.