So makaber es klingt: In ähnlichen Bahnen denken einige Betriebswirtschaftler schon seit Jahren. Hochmobil und wurzellos seien die Unternehmen der Zukunft, man könne sie in Windeseile umgruppieren. Feste Standorte würden immer weniger wichtig, weil jeder Ort der Welt per Telefon, Internet und Videokonferenz vernetzbar ist. Unternehmen denken neu über die Notwendigkeit zum persönlichen Austausch nach, titelte schon kurz nach den Anschlägen das Wall Street Journal. "Wenn jetzt noch ein weiterer Terroranschlag passieren sollte, dann gerät etwas in Bewegung", glaubt der Standortforscher James Harrington von der Universität Washington.

Verschaffen die Attentate den Finanzkonzernen einen Entwicklungssprung? Eines ist sicher: Im Augenblick kommt die Arbeit nirgendwo so schlecht voran wie in den traditionellen Glaspalästen von Manhattan. Der Strom ist rationiert, die Telefonleitungen sind unzuverlässig, Rauch hängt in der Luft. Mitarbeiter, die schon in ihre Büros zurückkehren durften, schaffen bei weitem nicht ihr gewohntes Arbeitspensum: Sie verarbeiten den 11. September - und plagen sich mit Ängsten. Manche Angestellte in den Wolkenkratzern denken über die Anschaffung von Fallschirmen nach, etliche Wall-Street-Banker tragen Gasmasken im Rucksack, in den Fahrstühlen wird es jedes Mal ganz still. Banken verdonnern ihre Mitarbeiter zur Zwangsberatung beim Psychologen, aber auch die haben keine Patentrezepte. "Es ist einfach schwer, sich im Moment sicher zu fühlen", sagt der Therapeut Richard Chaifetz. Marie, eine junge Managerin im Kreditkartengeschäft bei American Express, ist aus ihrem Psycho-Seminar "gleich wieder abgehauen" und richtet ihren Blick lieber auf praktische Zukunftsfragen. "Wenn wir demnächst alle draußen in Connecticut arbeiten, bekommen wir dann die Fahrtkosten erstattet?" Die Überlegung ist realistisch, denn seit dem 11. September lautet der Reflex in der New Yorker Finanzwelt: Nichts wie raus aus dem Ballungsraum Wall Street. John Dyson, Wirtschaftsberater des Bürgermeisters, ruft nervös bei den Chefs der Finanzfirmen an, bietet Subventionen und ein paar städtische Büros zur Untermiete an. Doch die Konzerne haben kaum eine Wahl. Selbst unbeschädigte Büros in der Nähe des ehemaligen World Trade Center werden noch monatelang unbenutzbar sein, und der Immobilienmarkt in Downtown ist leer gefegt.

Hochhäuser sind aus der Mode gekommen: Immobilienfirmen halten sie inzwischen für schwer vermietbar, Versicherungen wollen sich das Risiko nicht mehr aufhalsen. "Gebäude mit 100 Stockwerken waren ökonomisch sowieso keine sinnvolle Erfindung", sagt der New Yorker Architekt Robert Fox Jr. Finanzhäuser haben nach dem Terroranschlag blitzschnell Fakten geschaffen. Lehman Brothers zum Beispiel werden ihr Luxushotel auf der Seventh Avenue bald wieder verlassen: Die Firma hat mehrere Stockwerke in einem Bürogebäude in Jersey City gemietet; und fast alle betroffenen Großbanken sind jetzt auf Monate oder gar Jahre jenseits des Flusses in New Jersey, Connecticut, Queens und Brooklyn einquartiert. Dort freuen sich nun die Chefs über günstigere Mieten, die Mitarbeiter über frische Luft und billigere Lunch-Snacks und alle über die Anonymität: Die meisten Firmen halten die Orte ihrer Büros geheim, denn sie fürchten sich vor weiteren Anschlägen. Der Absatz von Telefon- und Videokonferenzanlagen boomt. "Versetzen Sie sich irgendwohin - mit Telefon- und Internet-Konferenzen", inseriert der Anbieter Raindance ganzseitig in New Yorker Finanzpublikationen.

Sollten sich diese neuen Gewohnheiten durchsetzen, geriete eine eherne Einsicht von Städteforschern ins Wanken: dass hochinnovative Branchen wie Technologie und Finanzen am besten funktionieren, wenn sie sich eng zusammenballen. "Finanzfirmen brauchen nach wie vor einen großen Markt und viele Dienstleistungsfirmen ringsherum", sagt Vernon Henderson, Wirtschaftsgeograf an der Brown University. In Ballungszentren können die besten Kräfte beim Mittagessen und bei Partys Informationen austauschen, sich einander Jobs zuschachern, Ideen abkupfern. Innovative Milieus wollten wegen des Freizeitangebots am liebsten in großen Städten leben.

Doch in Zeiten des Terrors wiegen die Kosten den Nutzen großer Zentren auf: Dann wird es zu gefährlich, so viele Menschen, Computer und Daten an einem Ort zu versammeln. "Wir werden weiterhin regionale Ballungen rings um Städte wie New York oder London haben", prophezeit Peter Marcuse, Professor für Stadtplanung an der Columbia University, "allerdings nicht mehr in den Innenstädten." Er glaubt, dass eines Tages hauptsächlich repräsentative Büros an der Wall Street verbleiben, sich dort mit neuen Wohn- und Unterhaltungsbauten mischen. Operative Tätigkeiten werden außerhalb verteilt oder wandern in das ultimative Back-Office, den Arbeitsplatz im Heimbüro. "Technisch ist das längst möglich", sagt Professor Marcuse. "Hierarchiedenken und symbolische Gründe haben die Unternehmen bisher zurückgehalten - aber das kann sich schnell ändern."

Am besten haben diejenigen Unternehmen den 11. September überstanden, die schon in den letzten Jahren die Wall Street verlassen oder zumindest ihre Reservebüros besser verteilt hatten - wie die Deutsche Bank oder UBS. Die Bank of New York hingegen kam in den ersten Tagen schwer ins Straucheln: Sie hatte ausgerechnet ihr Datensicherungszentrum im Schatten des World Trade Center errichtet. Und die Investmentbank Merill Lynch musste noch am Terrortag eines ihrer frisch bezogenen Notfallbüros wieder verlassen - weil es zu nah am Unglücksort lag, der von der Polizei weiträumig abgeriegelt wurde. Kein Wunder, dass inzwischen der Markt für dezentral gelegene Notfallbüros blüht. Unternehmen wie Comdisco und IBM machen Rekordumsätze, weil sie ihren Kunden außerhalb der Städte Ersatzarbeitsplätze bereitstellen. Und die englische Firma The Bunker kann sich vor Anfragen kaum noch retten. "Es ist eine etwas traurige Art, Geld zu verdienen", sagt ein Sprecher des Unternehmens, das in einem ehemaligen Atomschutzbunker im Westen Englands den "sichersten Computerstellplatz der Welt" betreibt. "Aber in der vergangenen Woche hat sich bei uns ein ganzes Börsen-Handelssystem einquartiert."