"Nichts ist so, wie es einmal war." Zugegeben, ich habe mich auch schon mit diesem Satz erwischt, der Formel, die alles sagt und nichts erklärt. Haben wir die Unschuld verloren, gibt es keinen Weg zurück in das "Alles wird gut"-Paradies der bunten Medienwelt? Selbst beim Infotainment keine Partylaune mehr. Moderatoren sprechen mit neuem Timbre, tragen gedecktes Grau. Börsenreporter machen sich Sorgen um unser Gefühlsleben, sogar Fußballkommentatoren wirken sachlich.

Das "Wort zum Sonntag" gibt die Tonlage an. Ratlosigkeit das einzig zuverlässige Gefühl. Überall sind Experten gefragt: Der Islamkenner, der Terroristenfachmann, der ehemalige Geheimdienstler, der Spezialist für das Existenzielle. Das Unerklärliche analysieren und dem Unfassbaren den Schrecken nehmen. So wird Fernsehen zum Therapeuten. Und wir sitzen auf der Couch und pfeifen neuerdings auf Lifestyleberater und praktische Ratgeber. Es geht jetzt um die letzten Fragen. Seit das Böse in die Welt zurückgekehrt ist, ist das Banale verbannt und das Private verpönt. Aus aktuellem Anlass frage ich mich: Darf ich da Elton John zu Themen wie Sex, Kaufsucht und Bulimie befragen? Versündige ich mich, wenn ich dem Thema dieser Tage ausweiche? Ich reibe mir verwundert die Augen, wenn ich sehe, wie mit einer neuen Sprache, neuem Dresscode auch plötzlich patriotisches Denken um sich greift. "Bild" weiß 100 Gründe, warum wir jetzt Amerika lieben. Ganz schüchtern vernehme ich Stimmen, die auch ein paar Gründe kennen, warum wir über Amerika zumindest manchmal den Kopf schütteln. Aber wer will das wissen?

Und unsere Politiker? Sie gehen mit gutem Beispiel voran: Die Rentenposse in Berlin ist abgesetzt, das politische Gekeife verstummt, statt Badehosen- und Zickenalarm Bilder von schöner Eintracht. Schon macht das Wort die Runde: "Wir kennen keine Parteien mehr, wir kennen nur noch Deutsche." Nur die Börse kennt keine Solidarität. Spekulationsgewinne aufgrund der Weltkatastrophe: Wenn die Umstände nicht so beklemmend wären, hätte ich spontan an eine Parodie gedacht. Doch Krisen, Kriege und Kreuzzüge sind keine Zeit für Scherze. Selbst Harald Schmidt zog sich spontan für Tage vom Bildschirm zurück, weil ihm das Lachen im Halse stecken geblieben war. Jetzt, wo alles still im Lande wird, stellt sich das Gefühl ein, so manche Bemerkung zur Lage hätte durchaus eine satirische Ohrfeige verdient. Peter Scholl-Latour zum Beispiel verkündete eilfertig das Ende der Spaßgesellschaft. Seitdem plappern es ihm alle nach. Schluss mit lustig? Lachen befreit, scharfe Pointen können schlagartig erhellen, was im Übereifer leicht vernebelt wird. Dies ist die vorläufige Bilanz.