Der Mythos: Studiengebühren sind ungerecht. Sie schrecken vor allem Jugendliche aus sozial schwächeren Familien vom Studium ab und beeinträchtigen damit die Chancengleichheit im Bildungsbereich.

Die Wirklichkeit bestätigt diese Befürchtung nicht. Folgt man den Ergebnissen der jüngsten OECD-Studie Bildung auf einen Blick, so ist der Zusammenhang sogar eher umgekehrt. Die Länder mit der höchsten Bildungsbeteiligung weisen auch eine überdurchschnittlich hohe finanzielle Beteiligung der Studenten an ihrem Studium auf. Dagegen haben die sechs Länder mit den niedrigsten Zugangsraten zur Hochschule - neben Dänemark, Frankreich, Mexiko, der Schweiz, der Tschechischen Republik auch Deutschland - nur einen privaten Finanzierungsanteil an den Gesamtkosten von 3 bis 15 Prozent. Allerdings räumt die OECD-Untersuchung ein, dass die genaue Wirkung von Studiengebühren auf das Verhalten von Studenten schwer abzuschätzen ist, weil dieses Verhalten auch noch davon abhängt, ob Zuschüsse, indirekte Subventionen, Steuererleichterungen oder Darlehen angeboten werden.

In seinem Buch Bildungsfinanzierung und soziale Gerechtigkeit ist Christoph Ehmann der Frage nachgegangen. Am Beispiel der ersten deutschen Privatuniversität Witten/Herdecke zeigt er, dass auch 30 000 Mark Studiengebühren keinen Einfluss auf die soziale Zusammensetzung der Studentenschaft haben. In Witten/Herdecke stammen 41 Prozent der Studenten aus niedrigen oder mittleren Einkommensschichten, an den staatlichen Hochschulen sind es 42 Prozent. Ehmann sieht darin Anlass genug, "über den politischen Glaubenssatz, dass erst der Verzicht auf Studiengebühren soziale Gerechtigkeit beim Hochschulzugang gewährleiste, noch einmal kritisch nachzudenken". Umgekehrt habe die Abschaffung der Studiengebühren 1970 nichts zur sozialen Gerechtigkeit und Öffnung der Hochschulen beigetragen. Nach wie vor studieren wesentlich mehr Akademiker- als Arbeiterkinder.

Dies bestätigt auch eine Studie über das Herkunftsprofil von Studienanfängern, die das Hochschulinformationssystem in Hannover (HIS) im vergangenen Jahr veröffentlichte: "Ungeachtet aller enorm erweiterten Bildungschancen durch die Bildungsexpansion bleiben tradierte soziale Auswahlmechanismen bestehen." Offensichtlich auch ungeachtet der Studiengebühren - könnte man hinzufügen.