Tel Aviv

In Jerusalem gibt es neuerdings einen New-York-Boulevard und in Tel Aviv eine Pentagon-Avenue: Zwei der berühmtesten Straßen des Landes wurden vorübergehend umbenannt - aus Solidarität mit dem großen Bruder. Zu Trauer und Mitgefühl gesellte sich schnell die Hoffnung, dass "die Welt jetzt vielleicht besser begreift, wie es uns schon lange geht".

Seit einem Jahr klagen die Israelis darüber, dass sie in ihrem Kampf gegen den Intifada-Terror Grenzen einhalten sollen, die kein westliches Land akzeptieren würde, wenn seine Bürger in ähnlich bedrohter Lage leben müssten. Als die Armee vor wenigen Monaten ein sich der Küste näherndes libanesisches Flugzeug abschoss, das ein - wie sich später herausstellte - geistig verwirrter Pilot steuerte, hagelte es internationalen Protest. Er würde heute sicherlich gemäßigt ausfallen. Der Sicherheitsexperte und ehemalige Mitarbeiter des Geheimdienstes Mossad, Joseph Alpher, prophezeit bereits die weltweite Nachahmung israelischer Sicherheitsmethoden: "An jedem Flughafen in den Vereinigten Staaten oder in Europa könnte es bald so aussehen wie in (dem scharf kontrollierten Tel Aviver Flughafen) Ben Gurion."

Doch das Gefühl der Israelis, nach dem 11. September endlich auch für ihre Probleme auf größeres Verständnis zu stoßen, währte nur kurz. Die neue Interessenlage hat ihre eigenen Gebote. Washington braucht für die Antiterrorkoalition dringend moderate arabische Länder als Partner, denn um keinen Preis will Amerika den Eindruck erwecken, es führe Krieg gegen den Islam. Israel würde in diesem Bündnis stören, deshalb kann es durchaus passieren, dass ihm am Ende PLO-Chef Arafat angehört und der jüdische Staat draußen bleiben muss. "Solange es darum geht, sich der Terroristen zu entledigen, liegt das auch in unserem Interesse", sagt Ex-Mossad-Mann Alpher, "aber was wird sein, wenn sich das Drehbuch fortentwickelt und die USA mit der PLO oder dem Iran kooperieren?"

Die Amerikaner haben den Israelis eine ähnliche Rolle wie schon vor zehn Jahren im Golfkrieg zugewiesen. Auch damals saßen sie auf der Zuschauerbank und hielten den Atem an, als irakische Scud-Raketen in Tel Aviv einschlugen. Jedesmal war die Angst groß, sie könnten mit einem biologischen Sprengkopf bestückt sein. Ein seltsames Déjà-vu-Gefühl hat viele Israelis gepackt, als sie in diesen Tagen nachschauten, ob ihre Gasmasken noch funktionierten. Keiner hegt Illusionen: Wenn die USA erst einmal den Krieg gegen den Terror begonnen haben, wird auch Israel - als der kleine Bruder des "großen Satans" - eine Zielscheibe für Gegenangriffe sein.

Zermürbungskrieg Intifada

Nur einige Optimisten hoffen, dass sich am Ende alles zum Besseren wenden wird. David Landau, einer der Chefredakteure von Ha'aretz, schreibt: "So wie der Erste Weltkrieg zur Balfour-Deklaration geführt hat und der Zweite Weltkrieg zum UN-Teilungsplan und der Gründung eines zionistischen Staates, könnte der ,Dritte Weltkrieg' jetzt den zionistischen Traum erfüllen: ein Friedensabkommen zwischen Israel und seinen Nachbarn." Die These ist nicht aus der Luft gegriffen. Immerhin hatte George Bush senior nach dem Golfkrieg alle Streithähne des Nahen Ostens in Madrid an den Verhandlungstisch gezwungen.