Der große, von manchen neidvoll betrachtete Erfolg der Geschichte eines Deutschen beschert uns nun eine wahre Haffner-Renaissance. Die Deutsche Verlagsanstalt hat eine Essaysammlung aus dem Jahre 1985 unter dem Titel Historische Variationen neu herausgebracht. Bei Kindler erscheint in diesen Tagen eine gebundene Ausgabe der berühmten Churchill-Biografie von 1967 (zuerst publiziert in der Reihe rowohlts monographien) und bei Lübbe eine Neuauflage der Streitschrift Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg, mit der Haffner 1964 in die Kontroverse um die Thesen Fritz Fischers eingriff. Gerade hier vermisst man ein Nachwort, das diesen Text in Haffners Gesamtwerk einordnet und der Frage nachgeht, wieweit seine Überlegungen im Lichte der Forschungsentwicklung der letzten Jahrzehnte noch Bestand haben.

Zum längst Bekannten kommt in diesem Herbst auch etwas aufregend Neues: eine Sammlung von Artikeln, die Haffner zwischen 1942 und 1949 für den Observer geschrieben hat. Bei der angesehenen britischen Sonntagszeitung hatte der 1938 aus Nazideutschland emigrierte gelernte Jurist eine Anstellung gefunden, nachdem er mit zwei Büchern Germany: Jekyll and Hyde (1940) und Offensive against Germany (1941) auf sich aufmerksam gemacht hatte. Rasch wurde er, der mittlerweile die Landessprache perfekt beherrschte, zu einem der einflussreichsten Mitarbeiter des Blattes. Merkwürdig, dass sich bislang kaum jemand für diese Phase seines Schaffens interessiert hat. Denn dass hier noch manches zu entdecken ist, das macht die von Rainer Nitsche herausgegebene Auswahl auf eindrucksvolle Weise deutlich.

Zu entdecken ist vor allem der temperamentvolle Journalist Sebastian Haffner mit seiner unbändigen Lust, seine Sicht der Dinge pointenreich zuzuspitzen - auch auf die Gefahr hin, dabei einmal über das Ziel hinauszuschießen. Ein gutes Beispiel sind bereits die beiden ersten Artikel von August und Oktober 1942. Haffner konstatierte eine "zweite Revolution der Nazis", deren Kennzeichen eine bisher nicht gekannte Intensivierung des Terrors sei. Als Hauptakteur sah er die SS, die nicht nur in Deutschland, sondern auch im besetzten Europa de facto die Herrschaft ausübe. Aus dieser im Kern durchaus zutreffenden Beobachtung zog er jedoch den Schluss, dass der Chef der SS, Heinrich Himmler, der "mächtigste Mann in Europa" sei und Hitler nur "mehr oder weniger mit seiner Duldung" regieren könne - ein Fehlurteil, das die nach wie vor hoch wirksame Macht des Führermythos gründlich verkannte.

In einer brillanten Skizze, geschrieben unmittelbar nach der Kriegswende von Stalingrad 1943, entwickelte Haffner einen Ansatz, der erst jüngst von Claudia Schmölders in ihrer Untersuchung Hitlers Gesicht (C. H. Beck, 2000) wiederaufgenommen worden ist: nämlich aus der Physiognomie des Diktators Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit zu ziehen. Nun, da Hitler gescheitert, die Maske des Triumphators von ihm abgefallen sei, zeige auch seine Visage wieder die Züge des "grobschlächtigen Bierkeller-Redners von 1920", jener "verkrachten Existenz mit ihrem Groll auf die ganze Welt".

Auch die hier versammelten Porträts anderer Nazigrößen sind Meisterstücke biografischer Komprimierung. Joseph Goebbels, eine "dunkelhäutige, mephistophelische Figur", nennt Haffner den Prototyp eines "Intellektuellen, der zum Verräter am Intellekt geworden ist". Über Hermann Göring heißt es: "Hinter rauher Herzlichkeit verbergen sich Heimtücke und Brutalität - eine Brutalität, die mit einer perversen Selbstsucht gepaart ist." Heinrich Himmler wird vorgeführt als "der Biedermann, der zum Dämon geworden ist", und Albert Speer als der "reine Techniker der Macht", vielseitig verwendbar unter jedem Regime. Wann hat man jemals das Führungspersonal des NS-Staates mit wenigen Strichen so treffend charakterisiert gesehen?

Dass Hitler niemals kapitulieren würde, dass es aber auch im untergehenden "Dritten Reich" keine Kräfte gab, die ihn zur Kapitulation zwingen könnten, das sah Haffner richtig voraus. "In der Zwangsjacke von Verbrechen und Terror trottet die Nation mechanisch, in dumpfer Unverantwortlichkeit ins Verderben." Die Wirksamkeit des Widerstands schätzte er gering ein. Noch wenige Tage vor dem 20. Juli 1944 hielt er ein Aufbegehren für unwahrscheinlich, und auch danach war das missglückte Attentat auf Hitler für ihn kaum erwähnenswert (was wohl auch auf Mangel an zuverlässigen Informationen beruhte). In einem Artikel zum zweiten Jahrestag, der hier nachzulesen ist, hat er allerdings seine Position korrigiert und an das bleibende moralische Vermächtnis der Männer vom 20. Juli erinnert.

Enthalten die Artikel einerseits manche Fehleinschätzungen und Irrtümer, so zeugen sie andererseits von einer erstaunlichen analytischen Kraft und Weitsicht. So erkannte Haffner bereits früh, dass die alliierte Kriegskoalition die Niederlage Nazideutschlands nicht lange überdauern würde. In dem sich nach 1945 bald abzeichnenden Kalten Krieg trat er dafür ein, dem Expansionsstreben Stalins durch eine Politik der Stärke Riegel vorzuschieben. Wer Haffner nur aus seiner "linken" Phase, den späten sechziger Jahren, kennt, der wird sich manchmal wundern über den entschiedenen Antikommunisten, als der er uns hier entgegentritt.