Warschau

Katerstimmung herrscht in Polen nach den Parlamentswahlen. Kaum jemand kann sich über den Ausgang freuen, nicht einmal die siegreichen postkommunistischen Sozialdemokraten von der SLD. Wenn sie keine Minderheitsregierung wagen wollen, müssen sie sich nach einem allemal unbequemen Koalitionspartner umsehen. Höchstwahrscheinlich wird es wieder die Bauernpartei (PSL) sein, ein unsicherer Kantonist. Schon einmal, von 1993 bis 1997, war sie der Bremsklotz für die "Roten" auf dem Weg Polens in den Westen.

Doch nicht die letztlich marginalen Nöte der Sieger sind das politische Problem in Polen, sondern die Vernichtung der "SolidarnocŽ"-Gruppierungen. Weder die ehrwürdige "Freiheitsunion" (UW) unter Bronis¬aw Geremek, in der die intellektuelle Elite der einstigen Bürgerrechtler ihre Heimat fand, noch das Wahlbündnis "Solidarität" (AWS), das sich als tragende Regierungspartei in den Jahren 1997 bis 2001 durch Streitereien, Korruption und Unfähigkeit selbst diskreditiert hat, werden im Sejm vertreten sein. Damit geht eine Epoche zu Ende. Die polnischen Wähler haben befunden, dass die Legenden der Vergangenheit - die hehren Verdienste der Bürgerbewegung ebenso wie die Stigmata kommunistischer Verstrickungen - keine Rolle mehr spielen sollten. Es geht um die Gegenwart, auch um die Zukunft, vor allem aber um die saubere und effiziente Verwaltung eines Landes im Umbruch.

Der polnische Häutungsprozess ist sicherlich wenig ansprechend, aber auch wenig bedrohlich. Strukturell wird der neue Sejm sehr unausgewogen sein: auf der einen Seite ein stabiler Regierungsblock, auf der anderen eine schwache, amorphe Opposition. In ihr halten unterschiedliche Emotionen und Programme einander die Waage: autoritäre Ressentiments (die Partei "Recht und Gerechtigkeit"), antieuropäische Affekte (die bäuerliche "Selbstverteidigung" des Populisten Andrzej Lepper und die "Liga polnischer Familien", ein kurioses Sammelsurium populistischer Splittergruppierungen, die vom national-katholischen Radio Maryja unterstützt werden) und rationale, proeuropäische Haltungen (die "Bürgerplattform" des früheren Außenministers und Präsidentschaftskandidaten Andrzej Olechowski).

So deprimierend das Bild der Opposition auch ist - die Hälfte der Sejm-Abgeordneten sind wieder einmal homini novi, die sich zum ersten Mal als Volksvertreter im Abgeordneten-Hotel und in der weiten Welt umschauen werden -, so gelassen sollte man ihren Aufstieg sehen. Noch am Wahlabend diagnostizierte der Soziologe Andrzej Rychard, die polnischen Populisten seien zwar radikale Kritiker der Transformation, beteiligten sich aber an ihr. Es handelt sich also weder um eine Revolte aus dem sozialen Nichts noch um eine Rebellion gegen die demokratischen Grundsätze. Die gestrigen bäuerlichen Protestler, die Straßensperren gegen EU-Importe errichteten und "gen Warschau" marschierten, wollten also keineswegs, wie einst Mussolini, das Parlament abschaffen, sondern selbst Abgeordnete werden, "um nach dem Rechten zu sehen".

Sosehr das Ausscheiden verdienter Politiker aus dem Sejm schmerzen mag, Polen steht keineswegs "auf der Kippe", auch wenn der Sejm wieder eine Schaubühne wenig ästhetischer Streitereien sein wird. Bei der Analyse der Ergebnisse darf man die tektonischen Verschiebungen in der polnischen Gesellschaft nicht außer Acht lassen. Die niedrige Wahlbeteiligung (etwa 46 Prozent) rührt nicht zuletzt daher, dass in Polen wirtschaftliche Initiative und sozialer Aufstieg weiterhin absolute Priorität vor jedweder Politik haben: Fast die Hälfte der polnischen Unternehmer sind ehemalige Arbeiter, die den Sprung in die Selbstständigkeit wagten und heute weder die Zeit noch einen freien Kopf für den "Politzirkus" haben. Sie wählen einfach nicht.

Polen ist nach wie vor eine Art "Drittel-Gesellschaft". Ein Drittel ist schon auf der sicheren Seite der Transformation angekommen; ein Drittel sind Verlierer, die den Anschluss nicht mehr finden, weil sie entweder zu alt sind oder in den strukturschwachen Regionen leben; und ein Drittel merkt nervös, dass ihm die Zeit wegläuft. Die einen geraten aus Angst, endgültig ins Abseits gedrängt zu werden, in Rage, andere sind ratlos, aber dennoch überzeugt, es schaffen zu können. Und nun erstürmen sie den Sejm, nehmen Platz in den Bänken und lernen die Benimmregeln. Noch kann das Land sich das leisten. Denn die Postkommunisten - ironischerweise - sind stabil genug, um Polen in den nächsten Jahren über die Furt nach Westen zu bringen. Dann sehen wir weiter.