Wann schlägt das US-Militär zu?

Die Welt forderte Besonnenheit, jetzt muss sie warten: Auch drei Wochen nach den Anschlägen in den USA ist offiziell noch kein amerikanischer Soldat in Afghanisches Gebiet eingedrungen. Stattdessen Krisen-Diplomatie aus dem Lehrbuch und moralische Absicherung für denkbare Militäraktionen zu allen Seiten. Und das amerikanische Volk zieht mit: "Von Kriegslüsternheit ist in den Vereinigten Staaten drei Wochen nach den Anschlägen auf New York und Washington nicht viel zu spüren. Das Wort 'Krieg' geht auch den Amerikanern nicht leicht über die Zunge", schreibt Leo Wieland im Titelkommentar der "Frankfurter Allgemeinen". Allerdings melden sich nach den vielen patriotischen Verbrüderungen auch immer mehr US-Bürger zu Wort, "die angesichts der Terroranschläge eine selbstkritische Analyse der amerikanischen Außenpolitik verlangen", heißt es in einem Kommentar im "Tagespiegel". Ob das aber der alleinige Grund ist, dass Präsident George W. Bush den immer noch vielfach erhofften Militärschlag gegen Afghanistan zu einem Guerilla-Krieg herabgestuft hat, muss bezweifelt werden. Ein flächendeckendes Bombardement würde in dem zerklüfteten und bergigen Land wenig Sinn machen. Stattdessen sollen nun militärische Einzelaktionen Osama bin Laden aus seinem Versteck in die Hände der Amerikaner treiben, so die offizielle Version. Doch der umfangreiche Militär-Aufmarsch lässt auch diesen Schluss zu: Es geht wird auch gegen die Taliban gehen. Sie gelten nach westlichen wie östlichen Maßstäben als unberechenbar und unzuverlässig. Und sie sind in bisher ungeahntem Maße zivilisationsfeindlich: "Arbeiten dürfen Frauen sowieso nicht", beschreibt Boris Kalnoky in der "Welt" eine der vielen schwer vorstellbaren Facetten der Taliban-Herrschaft. "Dennoch leisten mutige Frauen Widerstand. Sie haben daheim Privatschulen für Mädchen eingerichtet. Darauf steht die Todesstrafe - für die Lehrerinnen wie für die Mädchen und ihre Eltern."

Ab heute gilt die Rasterfahndung

Wie schnell Regierungen notfalls handeln können, zeigt das Beispiel der Rasterfahndung. Seit heute dürfen Ermittlungsbehörden bei schweren Straftaten systematisch die Datenbestände öffentlicher und privater Einrichtungen durchsieben. Auf Antrag versteht sich. Durch Eingabe spezieller Suchkriterien soll der Kreis potenzieller Verdachtspersonen eingeengt werden. So könnte als verdächtig gelten, wer etwa seine Stromrechnung stets bar bei der Post einzahlt. Grund für diese Maßnahme gibt es alle Male, seitdem die Spuren der Selbstmordpiloten nach Hamburg zurückverfolgt werden konnten. "Glaubte man bis vor wenigen Tagen noch, die Basis des Terrors in Afghanistan orten zu können, so wissen wir jetzt die ganze Wahrheit: Das Zentrum des Terrors ist bei uns", schreibt Jürgen Gottschlich in einem Kommentar für die "tageszeitung". "Es fehlt nicht an Gesetzen, an Eingriffs- und Zugriffsmöglichkeiten, sondern an Leuten, die das was da abgehört und gespeichert wird, auch verstehen", bemerkt Heribert Prantl in der "Süddeutschen Zeitung" und erinnert zugleich: "Schläfer, [ ... ] sind Menschen, die ein unauffälliges Leben führen und dann, quasi auf Knopfdruck hin aufgeweckt und zu Attentätern werden." Es ist zu vermuten, dass gerade dieser Personenkreis einer Rasterfahndung mit Eleganz aus dem Wege gehen kann.

Swissair ist pleite

Kaum zu glauben, dass gerade im Mutterland wirtschaftlicher Stabilität so etwas möglich ist: Die Swissair ist so hoch verschuldet, dass Konkurs droht. Das Problem: In diesem Fall wären auch die belgische Sabena und die deutsche LTU akut gefährdet; an Letzterer ist die Swissair mit 49 Prozent beteiligt. Krise hin, Ursache her: Die Folgen der Terroranschläge in den USA hätten die Situation in der Luftfahrt dramatisch verschlechtert, heißt die offizielle Version für den drohenden wirtschaftlichen Absturz der Swissair. "Der allerdings taugt nicht zur Begründung", schreibt Matthias Eberle im "Handelsblatt". "Die US-Katastrophe hat einen unausweichlichen Prozess nur beschleunigt." In der Tat kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt alles Ungemach zusammen: Das Eigenkapital der Gesellschaft war aufgebraucht, der Schuldenburg wuchs von Woche zu Woche, die allgemeine Konjunkturflaute, der Anschlag und schließlich auch die mit teuren und wasserdichten Verträgen ausgestatteten Piloten der Airline. "Die Liste ist beispielhaft, nicht abschließend", so Eberle. Dieser Argumentation schließt sich Daniel Rhee-Piening in einem Kommentar für den "Tagespiegel" grundsätzlich an, sieht das mögliche Aus schweizerische Fluglinie aber Folge eines Strukturproblems: "Im Übrigen wirft der Fall Swissair die Frage auf, ob wir im heutigen Europa noch diese Vielzahl von Fluggesellschafen brauchen. Leben wir in Bananenrepubliken, die unbedingt ihre Landesfarben am Himmel sehen müssen?" Schönen Gruß in die Schweiz.

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