Wahrscheinlich jedoch nicht mehr lange. "USA wollen Taliban stürzen", titelt die "tageszeitung" bündig. Mit derselben Nachricht machen die "Welt", der "Tagesspiegel" die "Süddeutsche Zeitung" und die "Frankfurter Rundschau" auf. Allein die "Frankfurter Allgemeine" widmet ihre Schlagzeile dem innenpolitischen Aspekt des Themas, nämlich der Frage, wie die Bundesregierung einen möglichen Militäreinsatz gegen Afghanistan unterstützt - mit dem Scheckbuch oder mit Bundeswehreinheiten. "Schröder: An einem Ablasshandel wird sich Deutschland nicht beteiligen", heißt es auf der Eins. Die "Bild" warnt in großen Lettern vor einem möglichen Gegenschlag der Terroristen: "Noch 14 Terror-Piloten unterwegs?", das "Handelsblatt" berichtet über die Insolvenz der Schweizer Luftlinie: "Swissair Group ist am Ende".

Die tägliche Kolumne "Zippert zappt" der "Welt" zeigt heute, dass die Späßlemacher knapp vier Wochen nach dem Attentat aus der Deckung gekommen sind - aber nach wie vor auf einem höllisch dünnen Seil über einem Abgrund von Geschmack- und Pietätlosigkeit balancieren. Ausriss: "Die deutschen Fernsehsender reagierten unter dem Schock der Ereignisse vom 11. September überraschend vernünftig. 9 live stellte den Sendebetrieb ein und übernahm das Programm von N24. Viva und Giga-TV erklärten: ‚Aus Respekt vor den aktuellen Geschehnissen setzen wir unser Programm vorübergehend aus.' Dass es erst eine Katastrophe von so gigantischen Ausmaßen brauchte, um die Sender zur Vernunft zu bringen, ist allerdings ein sehr hoher Preis. Sie könnten ihr Programm auch einfach aus Respekt vor der Würde der Zuschauer einstellen."

Quo vadis, Bundeswehr?

US-Präsident Bush hat ein militärisch-politisches Programm genehmigt, das die afghanische Opposition unterstützt. Ziel der Operation ist die Vertreibung der Taliban, berichten die Tageszeitungen heute einhellig. Völlig unklar ist indes, welche Hilfe die Bundesregierung zu dieser Operation und einem möglichen Militärschlag beisteuern wird. Bislang habe die Regierung immer nur das Scheckbuch gezückt, wie im Fall des Golfkriegs, schreibt der Kommentator der "Frankfurter Allgemeinen": "Den Partnern Deutschlands war derlei Gebaren ganz recht: Sie konnten so die Kosten des Militäreinsatzes auf andere Schultern verteilen, brauchten sich nicht von potentiellen Bedenkenträgern hineinreden zu lassen - und hatten einen Grund, die Deutschen wegen ihrer angeblichen Pfeffersackmentalität politisch-publizistisch zu ärgern. Diese Zeiten sind historisch erledigt." Aber selbst wenn diese politische Einschätzung richtig ist, werden sich daraus vorerst noch keine praktischen Konsequenzen ergeben. Das meint zumindest Kurt Kister in der "Süddeutschen Zeitung": Was die Luftwaffe betrifft, so braucht man in Afghanistan keine Tornados, die Flugabwehrstellungen bekämpfen. [...] Die leichte Infanterie der Bundeswehr ist auf dem Balkan gebunden [...]. Abgesehen von dem einen oder anderen Feldlazarett bleibt nicht viel an Spielsteinen im Great Game. Ach ja, vielleicht ein paar Hundert Millionen Euro ..."

Während sich US-Militär und Nato weiter für das militärische Eingreifen rüsten, reifen auch die Planungen für die politische Zukunft Afghanistan. Wie die "Welt" auf der Titelseite berichtet, rennen Oppositionelle und US-Berater dem ehemaligen afghanischen König Zahir Schah, 87, derzeit die Türen seiner Villa im römischen Exil ein. Schah soll eine regierungsfähige Allianz schmieden, die das Land sofort nach der Vertreibung der Taliban übernehmen kann. Zu den Erfolgsaussichten eines solchen Regimes sind allerdings viele skeptische Töne zu hören. Peter Münch schreibt in der "Süddeutschen Zeitung", Schah werde es schwer fallen, "die auseinander strebenden Kräfte im Vielvölkerstaat Afghanistan" zusammenzuhalten. Außerdem wäre er ebenso wie seine Vorgänger den divergierden Machtinteressen der Nachbarländer Pakistan, Iran und Russland ausgesetzt. Was aus dem zerrütteten Land am Hindukusch werden könnte, diskutieren die Welt ("Afghanistan wird zerrissen von seinen Völkern", S.6) und der Tagesspiegel ("Die USA wollen die Taliban stürzen - und was kommt dann?", S.2) auf ihren Hintergrundseiten.

Bundeswehr nach Deutschland?

Die CDU-Vorsitzende Merkel hat dafür plädiert, die Bundeswehr verstärkt für die Innere Sicherheit einzusetzen. Die Soldaten könnten Aufgaben im Objekt- und Katastrophenschutz sowie bei der Terroristenbekämpfung übernehmen. Dieser Vorschlag stößt allerdings auf Kritik aus allen politischen Lagern. "Wieso sollten Einheiten der Bundeswehr das können, woran es Polizei und Geheimdiensten gebricht?", fragt Christian Semler im Titelkommentar der "tageszeitung" nach. Im übrigen dürfe die Bundeswehr nur dann Polizeiaufgaben übernehmen, wenn das Parlament mit Zwei-Drittel-Mehrheit den "Spannungsfall" laut Notstandsgesetzgebung feststelle. Darauf wird Merkel indes lange warten können. Auch der Kommentator der "Frankfurter Allgemeinen" kritisiert den Vorstoß der CDU-Vorsitzenden als "kopflos". Sowohl die SPD als auch die FDP, die Polizei und CDU-Vize Volker Rühe hätten sich bereits dagegen ausgesprochen, heißt es. "Die neuesten Vorschläge sind - wie inzwischen eigentlich immer - mit der heißen Nadel genäht", fährt der Kommentator fort. "Denn für das, was die CDU fordert, ist der Bundesgrenzschutz da. Die Bundeswehr wird noch nicht einmal ihren derzeitigen Aufgaben gerecht, worauf doch gerade die CDU in den letzten Monaten hartnäckig hingewiesen hat. Aber ihr fehlt eben, auch so brachtet, ein Kopf."