Symbol "Bündnisfall"

52 Jahre nach ihrer Gründung wird die Nato auf die Probe gestellt. Sie erklärte ihren ersten Bündnisfall. Welche Bedeutung das für die Zukunft der Nato und für Europa haben kann, das beschäftigt heute die Kommentatoren.
Die Nato befindet sich, der "Frankfurter Rundschau" zufolge, in einer selbst gestellten Glaubwürdigkeitsfalle. Denn der Bündnisfall beziehe sein Drohpotenzial daraus, dass er der Ernstfall sei. "Bleibt es aber bei einer politischen Deklaration mit nur marginalen praktischen Verzierungen, dann steht die Ernsthaftigkeit des nordatlantischen Bündnisses zukünftig in Frage."
Die "Süddeutsche Zeitung" hingegen hält den Bündnisfall für ein starkes politisches Symbol. "Die Nato, mehr und mehr ein politisches Zweck- und Glaubensbündnis denn eine Militärallianz, liefert den politischen Trommelwirbel für den Aufmarsch der Soldaten seines mächtigsten Mitglieds." Stefan Kornelius hält dies für eine erfolgversprechende Strategie. Denn aus Bündnissen und Beweisen entstehe ein immenser Druck, der das die Terroristen schützende Regime in Afghanistan ins Wanken bringen könnte.
Die Nato müsse insgesamt zu einer neuen Tatgemeinschaft werden und sich als Bündnis bewähren, meint Herbert Kremp in der "Welt". Er geht auf die Geschichte der Allianz ein und beschreibt sie vom Ursprung her als ein Produkt des Kalten Krieges mit dem Auftrag der Verteidigung eines geographisch begrenzten Bündnisgebietes. "Diese Mission war 1991, spätestens 1994, nach dem Abzug der letzten Sowjet-Streitkräfte aus dem vereinigten deutschen Staatsgebiet beendet. Seitdem galt sie als politische, sich ausweitende Allianz zur Aufrechterhaltung des Friedens". Nun ändere sich die Rolle zum dritten Mal. Denn der terroristische Krieg erfordere eine Neudisposition der Strategien. Kremp plädiert dafür, alle Nato-Streitkräfte gleichwertig auszubilden und zu bewaffnen, denn es könne schnell passieren, dass die USA die Verbündeten aus der "Reserve" holten.
Europa steht eine Zeit großer Ernüchterung bevor. Das meint die "Frankfurter Allgemeine". Wenn in Afghanistan die ersten Schlachten gegen die Terroristen geschlagen würden, dann könnten die Europäer herausfinden, dass sich die Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten verschoben hätten. Allgemein läge jetzt das Augenmerk auf dem Nahen Osten und Asien. "Die Verteidigung Europas, die satzungsgemäß immer noch ein Hauptzweck der Nato ist, rutscht damit auf der Prioritätenskala Washingtons wieder ein paar Stellen nach unten." Diese Verschiebung erfordere ein neues Denken, so Nikolas Busse. "Das strategische Denken in globalen Kategorien, das in Amerika gepflegt wird, gilt in Deutschland immer noch als böse Machtpolitik. Die Zeiten, in denen man zu jedermann gute Beziehungen pflegen kann, sind fürs erste aber vorbei."

Harte Landung der Swiss Air

Es gab zwar keine Toten bei dem finanziellen Absturz der Swiss Air, aber für eine nationale Tragödie halten die Kommentatoren das Finanzdesaster der traditionellen Airline dennoch. "Niemand hätte je geglaubt, dass sie einmal nicht mehr das Kerosin für ihre Maschinen bezahlen könnte", schreibt die "Süddeutsche Zeitung. "Der Schlag sitzt tief." Auch die "Frankfurter Allgemeine" beschreibt die Situation als dramatisch: "Die gesamte Schweiz ist am Boden – zumindest, was das Image betrifft." Das Land sei nun endlich in der Moderne angekommen, meint Carl Graf Hohenthal in der "Welt". Die Vorgänge hätten gezeigt, dass die Schweiz nicht länger eine Insel der Seligen in einem "europäischen Meer der Häme, Missgunst, politischer und wirtschaftlicher Ränkespiele ist". Etwas analytischer geht der "Tagesspiegel" an die Nachrichten aus dem Nachbarland heran. Schuld an der Pleite sei das aberwitzige Konzept, mit dem das Swissair-Management versucht habe, die Fluglinie zu einem Weltunternehmen zu machen, schreibt Martina Ohm. Überall habe die Swissair zugegriffen, wo eine Fluglinie in Kalamitäten geriet: "Sie übernahm französische Regionalgesellschaften ebenso wie Anteile an Polens ehemaliger Staatslinie LOT, der belgischen Sabena und dem Düsseldorfer Ferienflieger LTU. Doch nennenswerte Marktanteile gewann die Swissair – über ihr Stammgebiet in der Alpenregion hinaus – nicht." Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Konrad Mrusek im Wirtschaftsteil der "Frankfurter Allgemeinen". Weil die Schweizer eigensinnig sind – so die Argumentation – wollten sie sich keiner globalen Allianz anschließen, denn da hätte man, neben Lufthansa und British Airways, nur die zweite Geigen spielen können. Also formten sie selbst eine Allianz, die "Qualiflyer Group". "Dafür gewann man indes nur marode Gesellschaften und musste über Jahre hinweg Verluste übernehmen in Milliardenhöhe. Erst Anfang dieses Jahres wurde dieses Auslands-Abenteuer gestoppt. Doch da war es schon zu spät."

Rhetorisches am Tag der Einheit

Keine Meinung haben die Kommentatoren zum Tag der Einheit. Lediglich Heribert Prantl nutzt die Gelegenheit des Feiertages in der "Süddeutschen Zeitung", um die Notwendigkeit zu betonen, die Entscheidung für eine offene Gesellschaft und liberale Einwanderungsgesetze angesichts neuer Gefährdungen zu bekräftigen. Ein Seitenhieb an Helmut Kohl folgt: Der Einheitsfeiertag diene nicht der Selbstbeweihräucherung – wie der Altkanzler dies bei einer Einheitsfeier der Stuttgarter CDU getan habe.
Die Berliner Seiten der "Frankfurter Allgemeinen" nutzen die Gelegenheit, um vier Reden – von Angela Merkel, Frank Steffel, Helmut Kohl und Eberhard Diepgen –, die die Politiker am Dienstag Abend in Berlin hielten, einer rhetorischen Analyse zu unterziehen. Hoch ironisch geschieht das, denn die Autoren hielten die Veranstaltung offensichtlich für außerordentlich provinziell. "Eine Blaskapelle spielt 'Ein Freund, ein guter Freund', als die rhetorischen Kombattanten Einzug halten", ist da zu lesen. Die Kombattanten schlagen sich tapfer mit einer "Vielfalt unterschiedlicher Redegenres, aber auch einem bunten Strauß rhetorischer Tropen", und klar wird: Hier kann der Leser Vieles über Stilmittel wie Apostrophe, Anapher und Anakoluth lernen und froh sein, die Reden auf diese Art aufbereitet zu bekommen.

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