Morgen ist ein gesetzlicher Feiertag - und fast möchte ich wetten, dass viele Leute nicht mehr wüssten welcher, wenn man sie unvorbereitet darauf ansprechen würde. Und Sie? Also: Der Tag der deutschen Einheit - im Jahre 11 nach der Einheit.

Im vorigen Jahr: Zehn Jahre deutsche Einheit, das war immerhin ein Jubiläum - obschon damals eher die Frage dominierte, ob der Spenden-Kanzler Helmut Kohl auch als Kanzler der Einheit in Erscheinung treten werde, auf der staatlichen Zentralfeier in Dresden. (Damals konnte Biedenkopf ihn noch fernhalten, jetzt muss er selber zusehen, dass er in Dresden noch reden darf. Sic transit gloria mundi.) Und damals flackerte noch einmal die Diskussion auf, ob denn der 3. Oktober das richtige Datum für den Nationalfeiertag ist, oder ob es nicht doch besser der 9. November wäre, oder...

Alles vorbei, spätestens jetzt ist alles Routine, der Nationalfeiertag ebenso wie die Einheit. Und das ist auch gut so - wenn man das noch so sagen darf. Das heißt beileibe noch nicht, dass die innere und die wirtschaftliche Einheit "vollendet" ist, was immer da vollendet heißen könnte. Doch inzwischen haben sich andere politische Herausforderungen vor die Innereien der Deutschen geschoben, die allerdings mit der Einheit eng zusammenhängen.

Zum einen wird Deutschland stärker in die internationale Ordnung - und in die damit zusammenhängende Ordnungsfunktion - hineingezogen; siehe Balkan, siehe Kampf gegen den Terrorismus.

Zum anderen wird Deutschland zum Brückenstaat für die Erweiterung Europas nach Osten. Es hört zum einen auf, Hindernis für die Entfaltung seiner osteuropäischen Nachbarn zu sein; Deutschland kann zum anderen aus eigenen Erfahrungen mit einem heftigen Transformationsprozess zur Nüchternheit nach Ost wie West beitragen.

Die beiden genannten Herausforderungen sind so gewichtig, dass die Deutschen in Ost und West jetzt gemeinsam über etwas nachdenken müssen, was außerhalb ihrer eigenen vier Wände stattfindet. Und das war doch für mich immer der Test auf die Einheit: Sie wird zum Erfolg, zur Normalität und damit auch zur - Routine, wenn die Deutschen endlich einmal über etwas anderes grübeln als über sich selber.

P.S.: Das schließt nicht aus, dass sie auch dies wieder tun werden, bei Gelegenheit. Und als Gelegenheit für weitere Kolumnen an dieser Stelle.