Der Einsturz des World Trade Centers war das Ende einer Illusion: zu wissen, an welchen Orten den Menschen welche Gefahr droht. In San Francisco bebt die Erde eher als in Chicago; ein Unfall in einem Atomkraftwerk kann nur in einem Atomkraftwerk passieren. "Mögliche Ziele für Terroranschläge aber gibt es unzählige, überall auf der Welt", sagt Steven Sholly vom Institute of Risk Research in Wien. "Und in vielen Fällen wären die Folgen verheerender als am 11. September."

Alles, was explodieren oder einstürzen kann, regt nun in der Wirtschaft zu Schreckensvisionen an. Aus einem gering geschätzten Risiko ist eine allgegenwärtige Gefahr geworden. Fluglinien, Chemieunternehmen, Ölkonzerne, Kraftwerksbetreiber, Schifffahrtsgesellschaften fürchten, keine bezahlbare Versicherung mehr zu finden. Versicherungsunternehmen haben ihrerseits Angst, mögliche Schäden nicht bezahlen zu können. Jetzt zeigt sich, wie sehr die globale High-Tech-Marktwirtschaft auf etwas angewiesen ist, das lange Zeit niemand infrage stellte: Sicherheit.

Plötzlich wird klar, wie verwundbar die Unternehmen sind, auch in Deutschland. Mehr als 1700 Industrieanlagen unterliegen der Störfallverordnung - Chemiefabriken, Raffinerien, Kraftwerke, die mit giftigen, explosiven und radioaktiven Stoffen arbeiten. Doch Flugverbotszonen gebe es keine, sagt Axel Raab von der Flugsicherung in Offenbach. Alte Kernkraftwerke wie Biblis, Stade, Obrigheim oder Brunsbüttel sind aus der Luft fast ungeschützt. Den Absturz einer kerosingefüllten Passagiermaschine, warnt Lothar Hahn, Chef der deutschen Reaktorsicherheitskommission, "würde kein Atomkraftwerke überstehen".

Noch kritischer sind Wiederaufbereitungsanlagen. Die im französischen La Hague etwa sei nur auf den Absturz einer kleinen Cessna ausgelegt, sagt Mycle Schneider, Leiter des atomkritischen World Information Energy Service. Und ein Anschlag würde die Katastrophe von Tschernobyl um ein Vielfaches übertreffen: Selbst das kleinste Abkühlbecken enthalte 67-mal mehr radioaktives Cäsium als damals freigesetzt wurde, heißt es in einer Studie der Expertengruppe Wise-Paris für das europäische Parlament. Wer soll für solche Schäden noch bezahlen?

Atomkraftwerke, Gas- und Ölpipelines, Straßen, Häfen, Wasserwege - im Prinzip sei die gesamte Infrastruktur der modernen Wirtschaftswelt von möglichen Anschlägen bedroht, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Paul Kleindorfer von der Wharton School der Universität von Pennsylvania.

Nicht einmal unterirdische Glasfaserkabel, die Arterien der Computerwelt, sind sicher. Das Szenario: Cyber-Terroristen greifen das weltumspannende Datennetz an, verstopfen Kanäle, stehlen Informationen oder vernichten ganze Archive. Um Hacker zu bekämpfen, die fremde Computer mit Viren wie Iloveyou oder zuletzt Nimbda attackieren, organisierte schon der frühere US-Präsident Bill Clinton einen Nationalen Plan zum Schutz der Informationsinfrastruktur. Kostenpunkt: rund zwei Milliarden Dollar. Jetzt wächst auch die Skepsis gegenüber der Verschlüsselungstechnik. Terrororganisationen wie das Netzwerk von Osama bin Laden benutzen schon seit mehreren Jahren Kryptoprogramme, um ihre Geschäfte zu verschleiern.

Versicherer haben die Wette verloren