Was ist Kultur? Ein eleganter Lebensstil, Shakespeare und Goethe, das Millionenquiz, der Glaube an Allah, an Gott? Kaum ein Begriff ist nebulöser, mehrdeutiger und symbolträchtiger als der der Kultur. Wahrscheinlich liegt darin der Grund für die erstaunliche Karriere, die er seit den neunziger Jahren gemacht hat, als sich die intellektuelle Aufmerksamkeit von sozialen und ökologischen Themen auf Geschlechterverhältnisse, ethnische Konflikte, die Massenmedien und Populärkultur richtete. Heute, im Zeitalter der künstlichen Reproduzierbarkeit und planetarischen Vernetzungen, scheint es keine kulturfreie Zone mehr zu geben, werden die letzten Reste der Natur von Menschenhand umgeformt, vermischen sich die lokalen Kulturen zur globalen Weltzivilisation. Gleichzeitig wächst das Unbehagen an der kalten Macht der Märkte, entstehen neue Formen der Kulturkritik, die den Zerfall der Öffentlichkeit, die Auflösung des Eigentums und die Zwänge der Mobilität anprangern.

Die Dynamik des Spätkapitalismus und der clash of civilizations haben einen erstaunlichen Stimmungswandel bewirkt: Das Kulturelle erscheint immer weniger als Hort der Freiheit, weltanschaulichen Vielfalt und individuellen Authentizität, vielmehr als Bedrohung der Menschenrechte, Verlust der eigenen Identität und Quelle terroristischer Aktivitäten. Wo einst im Namen des Multikulturalismus die Verbrüderung der Nationen gefeiert wurde, herrscht jetzt die Angst vor Aggression, Überfremdung und Entwurzelung. War das hybride und flexible Individuum kürzlich noch der Menschentypus der Zukunft, der den Ballast der Zugehörigkeit abgeworfen hatte, sehnt es sich nun nach Heimat, Ruhe und Bindung. Die Sphäre der Kultur wird nicht mehr als Ort der Befreiung und Heilung erfahren, sondern als Ursache von Zivilisationsschäden, denen sie ohnmächtig gegenübersteht.

Dieser Wandel von der Bejahung zur Skepsis steht im Zentrum des Buches des Oxforder Literaturtheoretikers Terry Eagleton, das in weiten Teilen die harsche Abrechnung mit einem Kulturbegriff bildet, der "gleichzeitig zu weit gefaßt und zu eng ist", um den Herausforderungen der zunehmend komplexer werdenden Welt gewachsen zu sein. Dabei sind es vor allem zwei Weisen der Vereinseitigung, die Eagleton im Auge hat: den "leeren Universalismus" der westlichen Kultur, die in Gestalt von Marktwirtschaft, Liberalismus und Selbstverwirklichung den Siegeszug um den Kosmos angetreten hat, und den "blinden Partikularismus" der Stammesgemeinschaften und Subkulturen, die ihre regionalen Besonderheiten, ihre Religion, Sitten und Lebensarten gegen die Herrschaft des Allgemeinen verteidigen.

Die Kultur der Aufklärungstradition, die einst vom Ideal der Versöhnung zwischen Individuum und Nationalstaat beseelt war, sorgt just im Moment ihrer kosmopolitischen Verwirklichung für separatistischen Aufruhr und fundamentalistische Proteste, die sich im Namen der Differenz der fortschreitenden Vereinheitlichung widersetzen.

Der Krieg der Kulturen wird nach Eagleton an mindestens drei Fronten geführt: zwischen der "Kultur als Zivilisiertheit", die durch ein elitäres Selbstverständnis und das Bewusstsein der Exzellenz gekennzeichnet ist, der "Kultur als Identität", die dem Ethos der Solidarität und Eigentlichkeit verpflichtet ist, und der "Kultur als etwas Kommerziellem", die den Diktaten des Konsums und Massengeschmacks gehorcht. Die drei Formen der Kultur liegen nicht nur untereinander im Streit, sie beeinflussen sich auch wechselseitig. So hat die Hochkultur zur Verbreitung genau jener Werte und Haltungen geführt, die jetzt in der Warenkultur als elitär geächtet werden, gegen die sich wiederum die Identitätskultur in ihrer Rückbesinnung auf das Ursprüngliche und Echte richtet.

Die Emphase, mit der die letzten Bildungsbürger Schönberg hören und Musil lesen, ist dem hedonistischen Fernsehzuschauer suspekt, während für den jungen Afrikaner beides Ausdruck des kolonialistischen Erbes Europas ist, das ihn zur politischen Revolte gegen die demokratische Kultur des Westens treibt.

Den eigentlichen Ursprung der kulturellen Konflikte sieht Eagleton in der fatalen Allianz von postmodernem Relativismus und prämodernem Essenzialismus. Erst mit der Infragestellung des modernen Fortschrittsprojekts, für das die Kultur im Wesentlichen Ausdruck der menschlichen Vernunft und sozialen Gleichheit war, treten die Brüche und dunklen Seiten des Zivilisationsprozesses zutage. Die Skepsis gegenüber utopischen Visionen und emanzipatorischen Ideen verbündet sich mit dem Hass auf fremdes Blut und andere Gedanken; der ästhetischen Lust an Lifestyle und Luxus korrespondiert die Aufwertung von Körperlichkeit und Sexualität. Die Kultur ist nicht nur eine Spielwiese der feinen Unterschiede und der Kampfplatz gegen Unterdrückung, sondern auch das Schlachtfeld der niederen Instinkte und feindlichen Ressentiments.