Grün ist die Farbe des Propheten. Die grüne Fahne, die der Kämpfer auf dem Titelbild von Werner Schiffauers Gottesmännern hochhält, kündet von revolutionären Veränderungen. Das Endziel der "großen islamischen Erzählung" ist die Wiederkehr der verlorenen politischen Größe und religiösen Einheit der Muslime im Staat der Gottesfürchtigen. Der Weg zum Ziel führte viele Muslime in die Realpolitik: Der für die Reislamisierung der Türkei kämpfenden Nationalen Heilspartei gelang es Ende der achtziger Jahre, sich den Eintritt in die (ideologisch feindlichen) Institutionen des kemalistischen Staats zu erobern. Necmettin Erbakan transformierte seine Refah-Partei zu einer koalitionsfähigen modernen Massenpartei.

Doch für eine Minderheit, die das islamische Projekt im Aufbruch erlebt und wahrhaft an eine umfassende Erneuerung der Gesamtgesellschaft nach dem Modell der ersten muslimischen Kalifate geglaubt hatte, wirft dieser Weg gewaltige Probleme auf. Dies gilt zumal für Islamisten in der türkischen Diaspora in Deutschland, also einer Situation doppelt "radikalisierter Marginalität" (Schiffauer). So müssen die "Gottesmänner" des "Khomeini von Köln", Cemaleddin Kaplan, damit fertig werden, dass ihre radikale Version der Errichtung einer islamischen Gelehrtenrepublik umso unplausibler geworden ist, je mehr in den neunziger Jahren die öffentliche Anerkennung des Islam wächst - und zwar in der Türkei ebenso wie in Deutschland.

Gibt es nun Sozialformen, in denen das ursprüngliche Pathos einer radikalen religiösen Umwälzung auch ohne praktische Erfolge konserviert, transportiert, auf neue Anhänger übertragen werden kann? Eine davon ist die Transformation einer ursprünglich offenen charismatischen Bewegung in eine rigide strukturierte Sekte der reinen Lehre, welche die Grenzziehung zur gottlosen Umwelt immer deutlicher betont.

Die spannende Studie des Kulturanthropologen Werner Schiffauer zur Entwicklung der Verkündigungssekte Kaplans ist eine der ersten Untersuchungen zum islamischen Fundamentalismus unter türkischen Emigranten in Deutschland, die seine Träger und Anhänger als Subjekte ernst nimmt. "Der" islamische Fundamentalismus ist für ihn nämlich nicht nur ein sozial und politisch zu therapierendes Integrationsproblem ausländischer Jugendlicher. Er hat eine eigene Plausibilität.

Doch behandelt Schiffauer den sich verschärfenden religiösen Radikalismus der Kaplan-Gemeinde auch nicht als etwas völlig Fremdes, als für unseren liberalen Common Sense bedrohlichen Gefahrenherd, dem wir uns gewissermaßen nur mit dem geschlossenen Visier des westlichen Rationalismus nähern dürften. Er vermutet sogar, dass der gesetzesreligiöse Radikalismus muslimischer Inländer durchaus den normativen Rückhalt für eine eigenständige methodische Verarbeitung der Situation spätmoderner Kontingenz und Existenz abgeben könnte - ähnlich wie protestantische Fundamentalismen, Calvinismus und Methodismus, für die frühe westliche Moderne.

Schiffauer begreift den politischen Islam nämlich als "Diskursfeld", auf dem Identitäten, Ideen und Interessen umkämpft und verhandelt werden, und er vermag es, dem Leser diese symbolischen Kämpfe aus dem Sinnhorizont der Beteiligten verständlich zu machen. So begegnen wir in der rechtgläubig uniformierten Kaplan-Bewegung ganz verschiedenen Gestalten: dem einsamen autodidaktischen Mystiker ebenso wie dem puritanischen Asketen sowie den rebellischen Multikulti-Provokateuren der zweiten Generation.

Und die grüne Fahne? Bewusst zieht der in Frankfurt/Oder lehrende Kulturanthropologe auch Exempel aus der antiimperialistischen Kinderstube des derzeit in deutschen Landen regierenden grünen Linksliberalismus heran. Die soziologischen Analogien springen in der Tat ins Auge: Je mehr sich die Kaplan-Gemeinde unter den Muslimen isoliert, umso straffer und autoritärer muss ihre innere Hierarchie werden, umso weltfremder auch der Anspruch des großen Vorsitzenden. 1992 lässt sich Cemaleddin Kaplan von seinen Anhängern zum "Statthalter des Kalifen" ausrufen, im März 1994 gar zum Kalifen selbst. (Notabene: zum geistlichen und weltlichen Oberhaupt aller Muslime auf Erden!)