St. Petersburg hat sich verändert, da hat Nikolaij Recht. Nach gut siebzigjährigem, von den Kommunisten verordnetem Dornröschenschlaf ist Russlands Schöne aufgewacht. Zwar brauchte sie dafür länger als die Hauptstadt Moskau, wo mehr Geld fließt und Bürgermeister Jurij Luschkow eine wenig demokratische, dafür höchst effiziente Stadtpolitik betreibt. Aber was ist schon Moskau, dieser Ort der Parvenüs, dieses zur Metropole aufgeschwemmte Dorf? Selbst Präsident Wladimir Putin, ein Petersburger Patriot, räumt ein: "Moskau löst in anderen Städten gemischte Gefühle aus."

Aber St. Petersburg hat aufgeholt. Auf dem viereinhalb Kilometer langen, sechsspurigen Newskij-Prospekt, auf dem sich die Schigulis und Wolgas und immer zahlreicher die BMWs, Volkswagen und Mercedes drängeln, ist vom sozialistischen Mief nur mehr wenig zu sehen, zu spüren, zu riechen. Zurzeit werden die Bürgersteige aufgerissen und mit Platten belegt. Oberflächenkosmetik für den 300. Geburtstag im Jahr 2003. Dann muss alles blitzen, so will es Wladimir Jakowlew, der sich lieber Gouverneur statt bloß Bürgermeister nennt. Egal, wenn sich St. Petersburgs berüchtigte Schlaglöcher, oft von der Größe, dass nach einem Regenguss ein Kind darin ertrinken könnte, rasch wieder auftun.

Jewgenija Prochowowa gefällt es, wie sich ihre Heimatstadt herausputzt. Die 23-Jährige gäbe eine hervorragende Marketingfrau für St. Petersburg ab: "Es ist unmöglich, von dieser Stadt nicht beeinflusst zu werden." Sie nennt sie Saint-Pete, ältere Semester sprechen von Piter. Jewgenija aber will nicht zur Stadtbehörde, sondern zuerst einmal im Fach Internationale Beziehungen promovieren. Englisch spricht sie perfekt, auch Deutsch beherrscht sie und holt deshalb in ihrem zweiten Nebenjob - neben jenem in der Analyseabteilung ihrer Fakultät - ausländische Sprachschüler vom Flughafen ab und bringt sie zu ihren Gastfamilien: "Das ermöglicht mir viele Kontakte. Ist doch spannend."

Soeben hat sie ein Praktikum bei Bayer in Moskau gemacht. Während Nikolaij an Moskau vor allem stört, "dass unser ganzes Geld dorthin fließt", empfindet Jewgenija die russische Hauptstadt vor allem als grob und hektisch. "Ich hatte das Gefühl, der langsamste Mensch auf Erden zu sein." Für die junge Doktorandin sind selbst doppelt so hohe Löhne kein Grund, von der Newa an die Moskwa zu ziehen. Dann schon eher einige Zeit in Westeuropa leben. Verdutzt war sie, als ein Professor seine Studenten fragte, ob sie Russland als Teil Europas sähen: "Eine selten dämliche Frage. Wer würde das verneinen!"

Wer erwartet, dass einem Jewgenija Prochowowa bei einem Gang durch ihr St. Petersburg vor allem ihre Trabantenstadt weit draußen am nördlichen Endpunkt einer Metrolinie zeigt, Untergrundkneipen und Insider-Studententreffs, täuscht sich. "Mein Saint-Pete ist die Innenstadt. Am Newskij-Prospekt fühle ich mich zu Hause, in den netten neuen Cafés, aber auch in den Biergärten an der Newa und in der Ermitage." Das gelte für die meisten jungen Leute, die sich, wann immer sie können, in der Innenstadt treffen. Es erklärt, warum die Stadt, obschon statistisch gesehen überaltert, in ihrem Zentrum jung und dynamisch wirkt.

Jewgenija hat Glück. Ihre Fakultät befindet sich im ehemaligen Smolny-Kloster, wo einst Lenin kurze Zeit regierte und das nun als Rathaus dient. Rundum entstehen ständig neue Kneipen. Früher gab es während öder Vorlesungen als Alternative einzig das Café Perle in Uninähe. Nicht ungemütlich, doch sowjetisch-plüschig mit dicken Vorhängen, schummrigen Lämpchen und allerhand Nippes. Heute bieten Dutzende von Cafés Dutzende von Kaffeesorten an. St. Petersburg hat die Pulverkaffeeära hinter sich. Und auch die Kwas-Phase, als das Russenbier mit Lastwagen in die Viertel gefahren und dort ab Zapfhahn getrunken wurde. Bier gibt es aus aller Herren Länder, aber auch das einheimische schmeckt. Jewgenija und ihre Freundinnen - auch Frauen trinken reichlich Gerstensaft und flanieren mit offenen Bierflaschen - stehen auf Newskoje und Bochkarjow, die gegenwärtig millionenteuer werben.

Genauso gern, wie sie sich ins Nachtleben stürzt, geht Jewgenija ins Theater oder in die Ermitage. Sie liebt die Impressionisten. Andere Petersburger wandeln einfach gern durch die prachtvollen Säle des ehemaligen Winterpalastes. "Wir nutzen das kulturelle Angebot unserer Stadt. Es ist keineswegs nur für die Touristen da", meint die Studentin. Sie ortet bei ihren Mitbürgern sogar einen besonderen Kunst- und Kultursinn. "Das kommt halt, wenn man in einer solchen Stadt lebt", sagt sie ohne jede Überheblichkeit.