Wann immer die Frage diskutiert wird, wer eigentlich die bedeutendsten lebenden Komponisten sind, taucht ein Name ganz bestimmt auf - Karlheinz Stockhausen. Eine charismatische Figur ist der 73-Jährige und weit über die Zirkel der zeitgenössischen Musik hinaus bekannt. Auch weil er so wunderbar dem Klischeebild vom weltfernen genialischen Künstler entspricht, der - seiner Zeit weit voraus - im intergalaktischen Raum zu Hause ist, um dort nie gehörte Musik zu erfinden.

Seit einem Vierteljahrhundert sitzt Stockhausen in seinem Tonstudio und modelliert am gigantomanischen musikalischen Gesamtkunstwerk LICHT. Er leitet alles Tönende aus einer einzigen "Superformel" ab, imaginiert mithilfe aufwändiger Technik die kühnsten Klangräume und verteilt, wenn die Inspiration es ihm einflüstert, auch mal ein Streichquartett auf vier Hubschrauber, die über dem Konzertsaal kreisen. Übermaß der Fantasie, kompositorischer Alleinvertretungsanspruch und latenter Größenwahn sind in Stockhausens ‘uvre kaum zu trennen. Es offenbart ein von allem Irdischen abgehobenes Überfliegertum, das als besondere Sphäre künstlerischen Wirkens ja spätestens seit Richard Wagner durchaus bewundert wird.

Herrscher über alle Regler

Faszinierend ist die Geschichte vom Captain Kirk der Musikavantgarde, der sich irgendwann auf der rastlosen Suche nach dem Neuen ins Weltall geschossen hat und mit voller Kraft nur noch in eine Richtung rast - tief hinein in ferne Universen. Seine Stücke geben (wie ein einseitiger Funkkontakt) von Zeit zu Zeit Auskunft darüber, was dort oben im Stockhausenschen Weltraum so alles vor sich geht: kosmische Liebes- und Geburtsrituale, intergalaktische Konflikte zwischen Reichen der Finsternis und des Lichts mit apokalyptischen Zerstörungsszenarien, Weltfriedenskonferenzen und hymnischen Erlösungsfeiern.

Aber erschreckend ist, wie weit sich der Komponist inzwischen vom Planeten Erde entfernt hat. So weit, dass er offenbar die Menschen, ihre Nöte und Empfindungen, gar nicht mehr erkennen kann. Wie ein irrer Funkspruch aus der Tiefe des Alls wirkten in der vergangenen Woche seine Äußerungen, die er zu den Terrorakten in den USA abgab. Auf einer Pressekonferenz, mitten hinein in den Schockzustand der Welt, bezeichnete er die Attentate als das "größte Kunstwerk, das es je gab". (Wortlaut siehe Kasten.) Zwar schickte er seinen bizarren Worten umgehend ein Dementi hinterher, aber der Eklat war nicht mehr aufzuhalten. Die vier geplanten Konzerte mit Stockhausen-Kompositionen beim (von der Kulturbehörde und der ZEIT-Stiftung finanzierten) Hamburger Musikfest wurden abgesagt. Überall schlug ihm helle Empörung entgegen. Der Komponist György Ligeti erklärte gar: "Ich bin der Meinung, dass die Musikwelt diesen Größenwahnsinnigen boykottieren muss. Wenn er diesen niederträchtigen Massenmord als Kunstwerk auffasst, gehört er in eine psychiatrische Klinik."

So hirnrissig und fernab von jedem Realitätsbezug Stockhausens Terror-Statements auch sind, ganz unergründlich tauchen sie nicht aus dem Dunkel des Alls auf. Sie passen durchaus in den Kontext seines kompositorischen Denkens und der kruden Fantasy-Mythologie seines LICHT-Zyklus. Nicht zufällig ist es die Präzision in der Vorbereitung und Durchführung der Attentate, über die er sich bewundernd geäußert hat. Totale Kontrolle aller Parameter der "Aufführung" - das strebt er auch in seinen eigenen Werken an, wenn er, überall, wo er auftritt, hinter dem großen Schaltpult thront. Stockhausen, der technokratische Herrscher über alle Regler. Sein strenges Strukturdenken ist geschärft durch die Schule des Serialismus. Indem er den perfekten Ablauf einer monströsen Terrortat eher erwähnenswert hält als den grauenvollen Tod der Opfer, scheint sich der alte Vorwurf gegenüber dieser Komponiertradition noch einmal zu bestätigen, dass in ihr vor allem rationalistische Systemlogik und technoide Kälte wirken.

Gleichzeitig aber haben Stockhausens Werke einen starken Zug ins Mystagogische und Parareligiöse. Der Meister sieht sich als Medium höherer Instanzen. Mit messianischem Anspruch tritt er an, der Musikwelt das Licht eines neuen Hörens aufzustecken. Seine siebenteilige Riesenoper ist ein "geistig-geistlicher" Gesamtentwurf zur Errettung des Universums - mindestens. Vor zwei Wochen erst hat Stockhausen in einem Zeitungsinterview vom Ideal eines Menschen geträumt, "den es noch gar nicht gibt. Einen Menschen, der phänomenal hören kann und der ästhetische Ansprüche und strukturelle Ansprüche stellt, die noch kein Mensch gestellt hat. Wir können doch nicht nur Musik machen für den Menschen, wie er ist".