Die Besucher, die am vergangenen Samstag in die Frankfurter Paulskirche gekommen waren, um der Verleihung des Adorno-Preises an den französischen Philosophen Jacques Derrida beizuwohnen, fanden auf ihren Plätzen neben dem ursprünglichen Redemanuskript einen aktualisierten Nachtrag vor, der es in sich hatte. In einer skrupulösen Wendung ging Derrida auf die New Yorker Anschläge ein: "Mein unbedingtes Mitgefühl, das den Opfern des 11. September gilt, hindert mich nicht, es auszusprechen: Ich glaube angesichts dieses Verbrechens an die politische Unschuld von niemandem." Keiner könne sich von "eigenen Fehlern, dem eigenen Unrecht, den Irrtümern der eigenen Politik freisprechen, und sei es auch in dem Augenblick, da man den furchtbarsten Preis für sie zahlt".

Welche Beziehung besteht für Derrida zwischen dem "Preis", den Amerika "zahlt", und den politischen "Irrtümern"? Welcher Zusammenhang existiert für ihn zwischen "Unrecht" und Terror? Oder um eine altwürdige Formulierung Derridas abzuwandeln: Ist die neue Weltordnung ein Sieg über die Gewalt und zugleich eine Ordnung, die diese Gewalt erst aus sich hervortreibt?

Derridas Frage nach dem Verhältnis von Globalisierung und Gewalt trifft mitten in eine Kontroverse, die unter Intellektuellen entbrannt ist, an Schärfe zunimmt und deren Linien quer durch alle Diskursmilieus verlaufen. Was einmal der Streit um die "Dialektik der Aufklärung" war, entwickelt sich, wie in den Jahren des Balkankrieges, zu einem Streit um die Dialektik der Modernisierung und ihrer Gestehungskosten. Sie kreist um die Frage, warum die Weltgesellschaft nach 1989, als das Imperium der Unfreiheit wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach, der Kantschen Friedensutopie nicht einen großen Schritt näher gekommen ist. Nicht nur der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hatte damals den Anbruch eines neuen Weltzeitalters gefeiert und zwischen Kapstadt und Wladiwostok eine neue Ära des Friedens und des Wohlstands verkündet. Unter der Sonne der Freiheit und unter den Klängen des Pop sollte der Wellenschlag der historischen Zeit zur Ruhe kommen und die leidvolle Moderne zum Abschluss bringen. Die Menschheit, so Fukuyama, hat die Tragödien hinter sich. Auf dem Spielplan der Weltbühne stehen fortan die Kömodien.

Coca-Cola und "heiliger Krieg"

In Fukuyamas Buch The End of History war es der Weltgeist persönlich, der das amerikanisch-europäische Gesellschaftsmodell zum Treuhänder der Freiheit bestimmt hatte. In dieser optimistischen Sichtweise waren Ausbrüche von Gewalt und Hass irrationalistische Spätformen, die aus der Zeit der alten Vormoderne in die liberale Zukunft herüberragen - Geburtswehen auf dem dornigen Weg in die Freiheit, schmerzhafte Übergangserscheinungen, die immer dann auftreten, wenn das Alte zu Staub zerfällt und das Neue noch keine Gestalt besitzt. Am Ende aber, so wurden die liberalen Propheten der Neuen Weltordnung nicht müde zu beteuern, falle die Modernisierung der Welt mit ihrer Zivilisierung zusammen: mit Markt, Freiheit und Demokratie.

Es waren der Krieg auf dem Balkan und der Völkermord in Ruanda, die alle Hoffnung auf einen welthistorischen Neuanfang verdunkelt haben. Gewalt erweist sich als ein resistentes Phänomen, und sie scheint sogar noch zuzunehmen, obwohl doch, in den Worten Fukuyamas, die Neue Weltordnung allen rückständigen Gesellschaften die Früchte der Freiheit in Aussicht gestellt hatte. Schlimmer noch, die Gewalt schlägt auf "den Westen" zurück. "Die rechtsgerichteten Milizen in den Vereinigten Staaten", schreibt Mary Kaldor in ihrem Buch über Neue und alte Kriege (Suhrkamp Verlag), "unterscheiden sich nicht grundlegend von den paramilitärischen Gruppen in Osteuropa oder Afrika." Überall auf der Welt sei die Lage durch eine gewalttätige Mischung aus "Integration und Fragmentierung" gezeichnet. Wenn es so ist: Sollte sich Fukuyama - und mit ihm viele andere - über die Ursachen der Gewalt getäuscht haben? Ist Gewalt tatsächlich nur eine Übergangserscheinung in verspäteten Gesellschaften, nur ein Anpassungsphänomen, das mit der Durchsetzung von Freiheit und Markt von selbst verschwindet? Was ist, wenn es sich genau umgekehrt verhielte: Wenn Gewalt eine Folge der Modernisierung ist und mit der weltweiten Durchsetzung westlicher Lebensformen in einem abgründigen Zusammenhang steht? Gibt es, mit einem Schlagwort des amerikanischen Politologen Benjamin Barber, eine Kausalität zwischen Dschihad und McWorld, Coca-Cola und "heiligem Krieg"?

Um einem Missverständnis vorzubeugen und die Falle des Antiamerikanismus nicht sofort zuschnappen zu lassen: Die Soziologen und Philosophen, die nach den Ursachen der globalen Gewalt fahnden, betreiben keine Einfühlung in den Terror. Sie rechtfertigen nichts und entmoralisieren auch nicht die wahllose Auslöschung unschuldiger Menschen. Sie bezweifeln aber, ob sich die neuen Gewaltphänomene immer noch nach einem eingespielten Muster deuten lassen - als Kampf zwischen Freiheit und Barbarei, als Zusammenprall räumlich isolierter Kulturen, die nach dem Ende der zweigeteilten Welt unvermittelt aufeinander stoßen. Dieses Konfliktmodell, so lautet die radikale Gegenthese, taugt nicht mehr, weil es nach dem Fall des Eisernen Vorhangs keine getrennten geografischen Räume mehr gibt, nur noch den einen entgrenzten Raum der Weltgesellschaft. Dieser eine Raum ist ein Raum ohne "Drüben", und in ihm herrscht nach der geräuschlosen Implosion des Ostblocks nur noch ein Geist, eine sozioökonomische Logik und ein Gesetz: das Gesetz der funktionalen Ausdifferenzierung. Folglich kommen Gewalt und Terror nicht von "außen" auf die Zivilisation zu, sondern sind Effekte, die diese im entgrenzten Raum der durchgesetzten Weltgesellschaft produziert.