Thomas Förster steht auf dem Vorschiff der knallrot leuchtenden Seefuchs und schaut regungslos aufs Meer. Ein paar Regentropfen fallen, frischer Seewind bildet kräuselnde Wellen. Der Unterwasserarchäologe hat keinen Blick fürs Wetter. Seine Aufmerksamkeit gilt dem Schlauchboot der Seefuchs, das 700 Meter entfernt vor der Küste ankert. Unter dem Boot müsste ein versunkenes Schiff am Ostseegrund liegen, das Keramikwrack. Luftblasen perlen an die Oberfläche, seit einer halben Stunde schon suchen vier Taucher nach dem Wrack. Eigentlich müssten sie es längst gefunden haben. Doch im trüben Wasser können sie kaum die Hand vor Augen sehen.

Seit knapp einer Woche sind Thomas Förster und seine Crew auf dem Forschungsschiff vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns unterwegs, die meiste Zeit rund um Rügen. Sie suchen versunkene Schiffe, die seit Jahrhunderten am Grund der Ostsee liegen. Das Keramikwrack, das mit wertvoller Ladung vor etwa 250 Jahren zwischen Rügen und Hiddensee unterging, interessiert sie besonders. In knapp eineinhalb Meter Tiefe und damit in der Brandungszone hatten Förster und sein Team vor zwei Jahren das etwa zwölf Meter lange Wrack entdeckt. Verstreut darum lagen Fayencen, weiß glasierte Keramiken mit bunten Motiven.

Thomas Förster klettert die schmale Leiter vom Vorschiff herab. Seine Leute haben nichts gefunden, sie kehren zurück. Nachdenklich ordnet Förster die Tauchausrüstung, verschwindet dann in der Kombüse und holt Kaffee. "Die Fayencen könnten uns Rückschlüsse über Handelsbeziehungen erlauben, vielleicht könnte man sogar die Töpfereien ausfindig machen", sagt der 35-Jährige. Ursprünglich hatte er vermutet, die Keramiken stammten aus dem Mittelmeerraum. Jetzt weiß man, dass sie vor Ort gefertigt wurden. Dennoch könnten sie wichtige Erkenntnisse über den damaligen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch der Ostseeländer liefern, deshalb ist er zum zweiten Mal hier.

Das Meer als Zeitkapsel

Seit 1994 sucht Förster im Auftrag des Landesamtes für Bodendenkmalpflege vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns nach Wracks. Gepackt hat ihn die Leidenschaft jedoch schon Anfang der achtziger Jahre. Damals erlebte der gebürtige Rügener, wie vor der Insel ein russisches Wrack aus dem 19. Jahrhundert geborgen wurde samt Bronzekanonen, russischen Kupfermünzen und Keramiken. "Diese alten Sachen in Händen zu halten und zum Reden zu bringen, das ist faszinierend", schwärmt er.

Zwölf ehrenamtliche Taucher begleiten ihn, die meisten haben extra Urlaub genommen. Sie sind Elektriker, Lokführer, Medizinhistoriker oder Sozialwissenschaftler, Männer wie Frauen. Alle treibt die Sehnsucht, Geheimnisse vergangener Zeiten zu lüften. Und viele sind schon zum wiederholten Mal an Bord. "Auf das Keramikwrack freu ich mich am meisten", sagt Sonja Nerge. "Immer nur Fische zu sehen ist auf Dauer doch langweilig, aber mal etwas Wertvolles finden, das wär's ..." So mancher erinnert sich, wie sie damals einfach nur ein wenig Sand wegwedeln mussten und plötzlich die Teller sahen. Wie Schatzsuche, sagen sie.

Diesmal läuft nicht alles so glatt. Drei Tage der 14-tägigen Expedition hatte Förster für das Keramikwrack eingeplant. Schon am ersten Tag konnte wegen starken Westwinds das Ziel nicht angelaufen werden, die Seefuchs suchte Schutz am Ostufer von Rügen vor Kap Arkona. Es ist der nördlichste Zipfel Rügens mit einem vorgelagerten gefürchteten Riff. "Dort vorn muss irgendwo das Arkonawrack liegen", sagt Rupert Breitwieser und zeigt auf das Meer vor der hell leuchtenden Steilküste. "Es ist eins der bekanntesten Wracks hier. 1718 sind die durch einen Navigationsfehler voll auf das Riff gelaufen", erzählt der 38-jährige Medizinhistoriker aus Salzburg. "Wracks sind ja viel anschaulicher als Grabungen, weil Schiff und Besatzung direkt aus dem Leben gerissen wurden. Wie in einer Zeitkapsel hat die Ostsee die vergangene Welt bewahrt. Bei Siedlungsgrabungen erfasst man meist nur die Verfallsphase einer Kultur."