Moskau

Menschenrechte sind in Krisenzeiten nicht der erste Maßstab für neue Freunde. Zumal, wenn man wie die Amerikaner in Zentralasien nach Verbündeten sucht. Usbekistan hat sich angeboten - und prompt landeten in der vergangenen Woche die ersten US-Flugzeuge nahe Taschkent. Für den Aufmarsch gegen die radikalen Taliban scheint das Regime des autoritären Staatschefs Islam Karimow verlässlich zu sein. Usbekistan war während des sowjetischen Afghanistan-Krieges die größte Versorgungsbasis für Moskau. Heute hat es einen fleißig arbeitenden Geheimdienst und eine geschwind dreinschlagende Polizei. Journalisten berichten, was der Macht gefällt. Für eine Militäroperation ohne Überraschungen ein fast perfekter Partner.

Aus der Nähe betrachtet, ist Usbekistan jedoch ein äußerst heikler Verbündeter. Das Land lebt mit einer Zeitbombe, deren Zünder trotz größter Anstrengungen der Sicherheitsapparate nicht zu entschärfen ist. Im östlichen Teil des Landes, im Fergana-Tal, leben über zehn Millionen Menschen auf engstem Raum. Früher war das von gewaltigen Bergketten umschlossene Gebiet wirtschaftlicher Mittelpunkt Zentralasiens; heute beherrscht Arbeitslosigkeit die großen Städte im Osten. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erwies sich die von Moskau aufgezwungene Baumwollmonokultur Usbekistans als Fluch. Um der Armut zu entkommen, heuern viele junge Leute bei einer Branche mit Zukunft an: dem Drogenhandel. Die Klärung unbeantworteter Fragen ans Leben finden sie bei langbärtigen Maulhelden aus den südlichen Nachbarländern.

Despoten züchten neue Islamisten

Längst ist dies nicht mehr allein ein usbekisches Problem. Der östlichste Teil der Region mit der Stadt Osch liegt auf kirgisischem Territorium, im Süden grenzt das gebrechliche Tadschikistan daran. Das Fergana-Tal bündelt die brennenden Probleme Zentralasiens: Kriminalität und Kleinkriege, unkontrollierbare Grenzen und kollabierende Staaten, reisende islamistische Terrorgruppen und der wachsende Einfluss der Taliban.

Islam Karimow führt seit einem knappen Jahrzehnt einen säkularen Krieg gegen die "religiösen Extremisten", die er hinter jeder Straßenecke wähnt. Er ist ihr härtester Gegner - aber leider auch ihr hartnäckigster Produzent. Rigide Religionsgesetze schreiben den Muslimen vor, wie, wann und wo sie ihrem Glauben huldigen dürfen. Schon das Tragen langer Bärte gilt als Delikt. Die drakonischen Kontrollen treiben gläubige Muslime in den Untergrund. Mit dem Popanz des "islamischen Fundamentalismus" jagte Karimow auch die Opposition ins Ausland. Es war ein Vorwand, um unliebsame Konkurrenten loszuwerden. Doch nun erfüllt sich die Prophezeiung von selbst: Radikalisierte Oppositionelle rüsten sich im benachbarten Tadschikistan für den ideologischen und militärischen Angriff auf das Fergana-Tal jenseits der bergigen Grenze.

Tadschikistan ist der perfekte Nährboden für Kampfgruppen religiöser und weltlicher Art. Nach einem verheerenden Krieg in den neunziger Jahren, der nach Schätzungen über 100 000 Menschen das Leben kostete, liegt nun ein bleierner Waffenstillstand über dem Land. Clanführer, die sich sechs Jahre lang mit allem bekämpften, was die Sowjetarmee zurückgelassen hatte, sitzen nun in einer "Regierung der nationalen Versöhnung" zusammen. Den äußeren staatlichen Rahmen erhält die russische 201. Motorschützendivision mit über 8000 Soldaten aufrecht. Sie bewacht die Grenze zu Afghanistan - gemeinsam mit tadschikischen Grenzschützern. Deren Offiziere sind meist Russen. Tadschikistan, obwohl formal unabhängig, ist fast ein Moskauer Satellitenstaat.