Natürlich atmete mancher von uns auf, gäbe es im Weißen Haus einen Wortkontrolleur, der mit einem elektronischen Gerät die Zunge des Präsidenten lähmen könnte, sobald er bombastische Worte wie "Kreuzzug", "Ausräuchern", "Hass", "Reich des Bösen" oder auch nur "Krieg" gebrauchen will. Oder: Es sollte dem Staatsoberhaupt nur erlaubt sein abzulesen, was seine Berater und Schreibgehilfen (unter Aufsicht von Bush senior) aufs Papier oder in den Teleprompter getippt haben. Das immerhin gelang Bush junior bislang stets überzeugend, mit korrekter Akzentuierung, gefühlsstark und mit dem angemessenen Pathos: siehe seine erstaunliche Rede vor dem Kongress, mit der seine Regierung und sein Stab ihre weltpolitische Reifeprüfung bestanden haben.

Die junge Administration hat eine Umsicht bewiesen, die ihr kaum einer der europäischen Athleten des beliebten Intellektuellen-Sports America- Bashing zugetraut hätte. Der vermeintliche Cowboy im höchsten Amt wurde zu Unrecht geschmäht, er habe sich - fahrig und feige - in der ersten Panik nach den Anschlägen auf einem Stützpunkt in Louisiana und im Umkreis der nuklearen Gefechtszentrale in Nebraska verborgen. In Wahrheit befolgte er korrekt die Anweisungen des Secret Service für den Ernstfall. Der atombombensichere Kommandostand unter dem Weißen Haus war unterdessen mit Vizepräsident Cheney besetzt, der ein erfahrener Experte des Krisenmanagements ist. Auch Verteidigungsminister Rumsfeld, den man eher der Spezies beinharter Reaktionäre zuordnen würde, erwies sich keineswegs als Amokläufer.

Außenminister Powell hat seine Besonnenheit als Truppenkommandeur, Direktor des Sicherheitsrates im Weißen Haus und als Chef der Vereinigten Generalstäbe eindrucksvoll bewiesen. Statt unverzüglich Kabul und Bagdad unter Bomben- und Raketenbeschuss zu begraben, werkten sie an einer weltweiten Allianz gegen den Terror, die jeder Verteufelung des Islam strikt entsagt, ja für die sie halbe Schurkenstaaten und Erzfeinde wie Syrien oder gar Libyen zu gewinnen hofften. Ohnedies wissen sie sich vom Verständnis der russischen und chinesischen Führung begleitet: eine Konstellation, die nie zuvor existierte.

Mit klugen Gesten brachten es die gefürchteten bullies in Washington außerdem zuwege, die aufbrandenden Ressentiments amerikanischer Bürger gegen ihre arabischislamischen Nachbarn zu zähmen: Ein Imam sprach das Eröffnungsgebet beim Gedenkgottesdienst in der Kathedrale von Washington. Der Präsident besucht eine Moschee - welch eindrucksvoller acte de présence! Man hat den französischen Staatschef in einem islamischen Gebetshaus bewundern können - doch, wenn sich der Autor nicht täuscht, keinen unserer Bundesväter oder Kanzler.

Dennoch kocht in den Seelen linker wie rechter Professionsprotestanten in Deutschland, in Frankreich, partiell auch in Großbritannien der Antiamerikanismus auf, der sich nicht nur durch eine geradezu naturgegebene Abneigung gegen die Weltmacht oder die chronische Empörung gegen ihre (beträchtlichen) Sündenregister erklären lässt. Vielmehr rumort hier ein tiefer Minderwertigkeitskomplex gegen eine Zivilisation, die sich - wie einst die römische gegen die der Griechen - als die überlegene erwies. In Wirklichkeit haben wir es mit der Auflehnung gegen eine Moralität zu tun, die zwar oft genug ihren eigenen Maßstäben nicht gerecht wurde, aber - anders als die unsere - sich nie einer totalitären Mordmaschine unterwarf. Vielleicht auch mit der verborgenen Trauer über den Verlust einer Religiosität, die Amerika zu behaupten weiß: keineswegs nur in den dunklen Winkeln seiner fundamentalistischen Sekten, sondern im breiten Schoß der multi-kulturellen, multi-konfessionellen, zur Toleranz erzogenen Gesellschaft, die in den Tagen der Katastrophe eine bewundernswerte Widerstandskraft demonstrierte.