Ich bin New Yorker, und ich will Rache. Ein Stück von mir ist in diesem Nichts verschwunden, das jetzt klafft, wo einmal die Twin Towers gestanden haben. Wir New Yorker denken immer, dass wir die Welt sind. Und als ich die Fernsehbilder der letzten Tage gesehen habe, dachte ich: Das stimmt, wir sind es. Bilder von Menschen aller möglichen Hautfarben und der Klang von Stimmen mit allen möglichen Akzenten. Und jetzt, da viele dieser wunderschönen Gesichter einfach weg sind und viele dieser manchmal Aufregung erzeugenden, manchmal nervenden, manchmal sogar bedrohlichen Stimmen still sind, will ich Rache.

Aber ich bin auch jemand, der will, dass der Terrorismus überall auf der Welt aufhört, und jemand, der glaubt, dass Rache nur dazu führt, den Terrorismus zu schüren. Und ich bin jemand, der als ehemaliger U. S. Marine in Vietnam gekämpft und danach als "Vietnam Veteran Against the War" den Krieg politisch bekämpft hat und der keinen Cowboy-Krieg will, keinen Krieg, in dem Arroganz und Blindheit ins Desaster führen.

Schließlich bin ich ein amerikanischer, linksliberaler Patriot, der will, dass sein Land das wird, was es sein sollte: "a city on the hill" - eine Stadt auf dem Berg, die das Urversprechen "liberty and justice for all" (Freiheit und Gerechtigkeit für alle) einlöst und Menschen in anderen Ländern eine mögliche Alternative zu der Ausgrenzung und Ausbeutung anbietet, die sie täglich erleben. Nicht dass mein Land Menschen in aller Welt lehren sollte, was sie zu tun haben, "zivilisiert" zu werden, sondern dass die USA sich so ändert, dass Dialog statt Krieg möglich ist.

Ich will Rache, ich will Vernunft, ich will radikale Veränderungen. Ich befürchte, dass ich nur Ersteres bekommen werde.

Ron Faust New York/Frankfurt am Main

In den französischen und deutschen Medien wird seit dem entsetzlichen Terroranschlag vom 11. September in New York und Washington sehr leichtsinnig von einem Krieg gesprochen. Ein Krieg gegen Amerika, ein Krieg gegen die westliche Zivilisation. Was berechtigt eigentlich, von einem Krieg zu sprechen? Wer sind die Soldaten? Hat eine militärische Auseinandersetzung zwischen Armeen stattgefunden? Wer ist der Gegner? Vielleicht ist meine Vorstellung von Krieg veraltet. Oder findet eine erste Vorbereitung auf eine atomare Antwort statt?

Faktisch handelt es sich um einen Terroranschlag von einer bisher noch nicht gekannten Dimension. Die unzähligen zivilen Opfer und das Ausmaß der Zerstörung sind schockierend und traumatisch. Aber ist es nicht gerade in einer solchen Situation angemessen, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, um nicht das Schlimmste heraufzubeschwören? Und nicht alle historischen Katastrophen durcheinander zu denken und mit diesem noch so hasserfüllten Terrorakt zu verbinden? Wie kann man die Handlanger des Terroraktes nur mit Adolf Hitler, Stalin oder Pol Pot vergleichen und damit den Terrorakt mit den NS-Todeslagern und den Straflagern in der Sowjetunion gleichstellen! Das ist von einer schockierenden Leichtsinnigkeit!