Vielleicht hat im Manhattan Sheraton Hotel auf der Seventh Avenue die Zukunft des Kapitalismus begonnen. 1500 Analysten und Investmentbanker der Firma Lehman Brothers belegen im Augenblick mit ihren Schreibtischen, Computern und Telefonen 665 Zimmer des Luxushotels. Sie wurden vertrieben aus ihren Büros nahe dem World Trade Center. Manchmal müssen sie erst bei der überlasteten Telefonzentrale recherchieren, wo ihre Kollegen arbeiten: Mehrere tausend Händler sind zur gleichen Zeit in notdürftigen Büros in New Jersey untergebracht, weitere tausend arbeiten zu Hause, ein paar im Wohnzimmer von Vorstandsmitgliedern. Manche wurden sogar in ein Flugzeug gesetzt und nach London oder Tokyo verschickt.

So makaber es klingt: In ähnlichen Bahnen denken einige Betriebswirtschaftler schon seit Jahren. Hochmobil und wurzellos seien die Unternehmen der Zukunft, man könne sie in Windeseile umgruppieren. Feste Standorte würden immer weniger wichtig, weil jeder Ort der Welt per Telefon, Internet und Videokonferenz vernetzbar ist. Unternehmen denken neu über die Notwendigkeit zum persönlichen Austausch nach, titelte schon kurz nach den Anschlägen das Wall Street Journal. "Wenn jetzt noch ein weiterer Terroranschlag passieren sollte, dann gerät etwas in Bewegung", glaubt der Standortforscher James Harrington von der Universität Washington.

Verschaffen die Attentate den Finanzkonzernen einen Entwicklungssprung? Eines ist sicher: Im Augenblick kommt die Arbeit nirgendwo so schlecht voran wie in den traditionellen Glaspalästen von Manhattan. Der Strom ist rationiert, die Telefonleitungen sind unzuverlässig, Rauch hängt in der Luft. Mitarbeiter, die schon in ihre Büros zurückkehren durften, schaffen bei weitem nicht ihr gewohntes Arbeitspensum: Sie verarbeiten den 11. September - und plagen sich mit Ängsten. Manche Angestellte in den Wolkenkratzern denken über die Anschaffung von Fallschirmen nach, etliche Wall-Street-Banker tragen Gasmasken im Rucksack, in den Fahrstühlen wird es jedes Mal ganz still.

Banken verdonnern ihre Mitarbeiter zur Zwangsberatung beim Psychologen, aber auch die haben keine Patentrezepte. "Es ist einfach schwer, sich im Moment sicher zu fühlen", sagt der Therapeut Richard Chaifetz. Marie, eine junge Managerin im Kreditkartengeschäft bei American Express, ist aus ihrem Psycho-Seminar "gleich wieder abgehauen" und richtet ihren Blick lieber auf praktische Zukunftsfragen. "Wenn wir demnächst alle draußen in Connecticut arbeiten, bekommen wir dann die Fahrtkosten erstattet?" Die Überlegung ist realistisch, denn seit dem 11. September lautet der Reflex in der New Yorker Finanzwelt: Nichts wie raus aus dem Ballungsraum Wall Street. John Dyson, Wirtschaftsberater des Bürgermeisters, ruft nervös bei den Chefs der Finanzfirmen an, bietet Subventionen und ein paar städtische Büros zur Untermiete an. Doch die Konzerne haben kaum eine Wahl. Selbst unbeschädigte Büros in der Nähe des ehemaligen World Trade Center werden noch monatelang unbenutzbar sein, und der Immobilienmarkt in Downtown ist leer gefegt.

Hochhäuser sind aus der Mode gekommen: Immobilienfirmen halten sie inzwischen für schwer vermietbar, Versicherungen wollen sich das Risiko nicht mehr aufhalsen. "Gebäude mit 100 Stockwerken waren ökonomisch sowieso keine sinnvolle Erfindung", sagt der New Yorker Architekt Robert Fox Jr.

Finanzhäuser haben nach dem Terroranschlag blitzschnell Fakten geschaffen.

Lehman Brothers zum Beispiel werden ihr Luxushotel auf der Seventh Avenue bald wieder verlassen: Die Firma hat mehrere Stockwerke in einem Bürogebäude in Jersey City gemietet