Graue Welt voll Gerümpel. Reste, Erinnerung. Süßlich die bleierne Luft im Sommer, zähe Watte, die sich um Körper und Empfindung legt. Dann wieder ewiger Winter, Rost, Dämmerung. Und mitten darin dieses Gedicht aus vier Zeilen, zart und ein ganz klein wenig belustigt: "In der gelben Jacke erinnert sie an eine Chinesin. / Wenn sie lächelt, erinnert sie auch an eine Chinesin. / Und wenn man sie ein wenig zu lange ansieht, / senkt sie die Lider, als würde sie sich mit einem Blatt bedecken."

Aber das ist die Magie dieses Buches und vieler einzelner Texte darin, ja, eine Art von nüchterner Magie. Denn hier wird weder bemüthisch gemystelt, wie in den Römerdramen von Oberstudienrath H. Müller und seinen Vorzugsschülern, noch symbollisch gebimmelt oder morbide geraunt. Existenzialistische Töne, das schon, doch ganz ohne Feier der Fäulnis, ohne Verwesungspathos und Frostekstasen. Leise, subkutan stört etwas die edle Monotonie und stille Abgestorbenheit der Bilder - eine flüchtige Wahrnehmung, ein flackerndes Licht, gleich zu Beginn eines Gedichts ("Die verblüffende Eintönigkeit der Farben, / wenn die Straßenbahnen ihre Hinterteile / auf die Brückenmitte ziehen ...") oder ganz am Ende, in der letzten Zeile: "... auch der Springbrunnen hinter dem Tor / ist ohne Leben, dafür voller Abfall und modriger Blätter. // Ich schaue auf den vertrocknenden Maulbeerbaum un ter dem Fenster. / Ein Feuer lodert in meine Richtung."

Mariusz Grzebalski heißt der Dichter, geboren 1969 in Lodz. In Posen studierte er Literatur und Philosophie. Drei Gedichtbände hat er bereits veröffentlicht, zwei davon seien, wie uns der Klappentext verrät, auch schon preisgekrönt. Ein neuer kleiner Wiener Verlag hat jetzt die erste Übersetzung gewagt, vierzig Texte, Polnisch und Deutsch, unter dem leider bodenlos öden Titel Graffiti. Aber dieser Missgriff ist auch das Einzige, was sich an der Gestaltung dieses Buches bemeckern lässt. Hier sind, im Verborgenen, ganz offensichtlich Könner am Werk, so fein perfekt ist das alles ausbalanciert, vom Schriftgrad bis zum Einband, puristisch, aber lässig und sanft, ohne jede Affektation. Und blickt man auf das Verlagsprogramm (zum Herbst erscheint nun schon das zweite), mit Büchern von Ilse Aichinger, Judith Herzberg und Marusa Krese, dem Böhmen Petr Borkovec oder dem jungen Slowenen Ales Steger, so könnte die Edition Korrespondenzen bald eines der wichtigsten neuen Häuser für internationale Lyrik sein.

Mariusz Grzebalski ist auf jeden Fall eine bedeutende Entdeckung. Ein zögernder Melancholiker

trostlos, aber pfeifend schlendert er durchs Laub, ein Meister des Abschieds. Viele seiner Gedichte sind Abschiedsrede, spröde Trauergedichte, und manche davon erinnern ein bisschen an die Verse der Erinnerung, die der deutsch-britische Autor Michael Hofmann nach dem Tod seines Vaters geschrieben hat.

Doch Grzebalskis eigentliche Kunst ist es, in allem Ende und allem Verfall den stummen Widerspruch zu erspüren - des Lebens selbst möglicherweise. "Das also ist nun unser ganzes Etwas / in unserem ganzen Nichts", dämmert es den Liebenden am Morgen, beim Abschied, und man schaut gleich auf die Seite gegenüber, wie das auf Polnisch heißen mag: "I oto caIe nasze co / w caIym naszym nic."

Das ganze Etwas im ganzen Nichts: Manchmal spürt man es noch, bevor es entgleitet. Manchmal hört man es noch, entdeckt es in einem komischen Zug, einer ratlosen Geste, absurden Farbe, erlebt es in einem Trotz, einem kurzen Moment des Zorns (auf "verhasste Behörden" vielleicht), mit Verwunderung: "Ein Hund blickt uns an und sieht vor lauter Alter nichts. / Schön sind die Brauntöne, schön sind die Augen ohne Augenlicht. / Schön leuchtet das Hundefell auf, wie das Licht der Laternen. / Angenehm verletzen diese schmutzigen Bilder unsere Augen."