Ist das Fernsehen mehr als unser aller Unterhaltungsmaschine und Informationskanal? Ja, es dokumentiert. Damit sind nicht nur Porträts Prominenter oder Berichte aus fernen Ländern gemeint, sondern auch Beobachtungen des wirklichen Lebens von Leuten wie du und ich. Fernsehen ist auch Chronik - und als solche umso aussagekräftiger, als wir uns alle an omnipräsente Kameras und umherfischende Mikrofone gewöhnt haben. Gern und ohne Scheu erzählen wir aus dem Leben. So wie die Gewährsleute des Filmemachers Matthias Brunner in dessen erstaunlicher Dokumentation über einen Sonderling aus Berlin. Lienhard Brunner wurde im Krieg geboren, zwischen den geschiedenen Eltern hin- und hergereicht und landete als Bundeswehrflüchtling in West-Berlin, wo er Schaupieler wird und sich in einem bizarren Erotikfilm mit Gudrun Ensslin paart. Bei Peter Handkes Publikumsbeschimpfung ist er auf der Bühne. Weggefährten geben wortgewandt und teilnahmsvoll Auskunft über den eigenwilligen Mann, der von sich sagte: Ich bin der, der ich erst werde. Er wurde zum Sinn- und Gottsucher, der mit Rio Reiser über Religion, mit einem Mönch über die Frauen und mit seiner Freundin Rita gar nicht sprach. Schließlich vereinsamt der Asket in seiner Moabiter Kleinwohnung, schrieb die Bibel in Schönschrift ab, aß aus Mülltonnen und starb 1996 verhärmt als Weltflüchtling. Dank auskunftsfreudiger Normalmenschen gelingt dem Film die Rekonstruktion einer Vita, die alles andere war als normal und doch nicht untypisch für das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts in Deutschland.

Ich bin nicht, der ich bin lief am 23. 9. auf 3sat