Dieser Artikel wird vielleicht nicht ganz objektiv sein. Kann er auch nicht. Denn er berichtet über ein neues Blatt, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS), die uns, die ZEIT, herausfordern will. Hat jedenfalls einer ihrer Herausgeber behauptet, Frank Schirrmacher. Das will er zwar jetzt, da es ernst wird, so gar nicht gemeint haben. Aber wie er an seinem Schreibtisch doziert über die eigenen Stärken und die Schwächen der anderen, umgeben von den Miniatur-Insignien der Macht, einem Ringbuch aus dem Weißen Haus, einer Stiftschatulle aus Camp David, einem Foto, das ihn mit Bill Clinton zeigt - da erinnert er an einen 18-Jährigen, der an der Ampel sein Moped ein bisschen lauter knattern lässt. Über die FAS von unserer Seite zu schreiben wird vollends heikel beim Blick aufs Personal, das die Sonntagsleser erobern soll: Einige Journalisten waren bis vor wenigen Wochen unsere Kollegen in Hamburg - und sie sollen auch nach diesem Artikel und über den 30. September hinaus unsere Freunde bleiben.

Dann erscheint die FAS zum ersten Mal. Eigentlich gibt es sie schon seit elf Jahren als Sonntagsausgabe der täglichen Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der FAZ. Doch bislang wurde sie nur im Rhein-Main-Gebiet verkauft, Auflage: 100 000 Exemplare. Das ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel

15 Millionen Mark Verlust bescherte sie den gewinngewöhnten FAZlern jedes Jahr.

Einstellen oder Ausbauen, das war die Frage. Weil man ein rufschädigendes Leserzornbeben in Hessen befürchtete (dort gibt es die Sonntagsausgabe fast kostenlos zum FAZ-Abo), entschied man sich für den Ausbau. Was leicht fiel, da man - wie es heißt - über Gewinnrücklagen von mehr als 400 Millionen Mark verfügt. Mit so viel Geld im Kreuz lässt sich wagen, was bislang als Sakrileg galt: ein Angriff auf den Markt der überregionalen Sonntagszeitungen.

Die bisherige Zurückhaltung am Sonntag hat natürlich keine religiösen Gründe.

Der Springer Verlag hat mit Welt, Bild und Euro am Sonntag sowie drei weiteren Regionalblättern seit Jahren das publizistische Monopol auf der Kanzel. Nur in Berlin bietet der Tagesspiegel mit einer gerade ausgebauten und verschönten Sonntagsausgabe Paroli. Gern würden am Wochenende auch konservative Leser etwas geboten bekommen, das die Herzensergießungen des BamS-Kolumnisten Peter Hahne journalistisch überragt. Laut einer Spiegel-Studie ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung mit den bisherigen Sonntagszeitungen unzufrieden. Aber nur Springer war bislang bereit, seine Blätter für viel Geld und mithilfe von 30 000 Zustellern auch noch auf den letzten sonntäglichen Frühstückstisch zwischen Hallig Hooge und Zschopau zu expedieren - wenigstens bis zur Tankstelle in der Nähe. Da will die FAS auch hin. 200 000 der 280 000 FAZ-Abonnenten sollen ab dem kommenden Sonntag erreicht werden. Nach vier kostenlosen Probewochen müssen sie monatlich 16 Mark mehr berappen für ein FAZ/FAS-Abo, wenn sie wollen. Dazu kommen die Einzelkäufer, sodass die Frankfurter mit einer Gesamtauflage von bis zu 250 000 Exemplaren rechnen.

Das könnten sie schaffen, bislang liest nur ein knappes Viertel der Deutschen eine Sonntagszeitung. Wie bang den Machern dennoch ist, kann man der Rhetorik ablauschen, die den Neubeginn umtost. Ran an die wertvollste Zeit, die die Menschen haben, will Schirrmacher. Am siebten Tag mag vielleicht der Herr wohlgefällig auf sein Werk zurückgeblickt haben. Der Herausgeber deutet den Sonntag um: vom letzten Tag der alten zum ersten Tag der neuen Woche. Die Sonntagszeitung als nutz- und trostreiches Brevier, mit dem sich der rastlose Zeitgenosse auf den Überlebenskampf der nächsten Tage vorbereitet. Eigentlich eine Wochenzeitung - allerdings eine, die man nur an einem einzigen Tag kaufen kann.