Manchmal hängt das ganze Geschlecht an einem einzigen Buchstaben. Das begriff ich zum ersten Mal im Russischunterricht in der dritten Klasse. Wir mussten uns russische Namen geben, die wir auf Schilder schrieben. Die Schilder stellten wir sichtbar vor uns auf die Schulbank, damit die Lehrerin uns mit diesen Namen ansprechen konnte. Das war das Erste, was wir lernten. Wir kannten weder Russland noch die russische Sprache, aber wir hatten bereits eine russische Identität. Ich war Mascha. Ich hätte auch Sascha sein können, das hätte nur einen Buchstaben Unterschied gemacht. Es wäre eine Chance gewesen. Aber ich kam nicht drauf. Ich blieb immer Mascha. Manchmal hängt das Geschlecht an einem Buchstaben, aber man kommt nicht drauf. Neulich wollte sich meine Freundin für einen Norwegischkurs in der Volkshochschule anmelden.

Sie hatte ihren Vornamen Ines in den Anmeldebogen geschrieben und den Bogen unter dem Schalterfenster durchgeschoben, als sie verwirrt gefragt wurde:

Soll ich bei Ihnen jetzt m wie männlich oder w wie weiblich ankreuzen?

Wie Sie wollen, sagte meine Freundin großzügig, ist ja letztlich nur ein Buchstabe.

Die Frau hinter dem Schalter trug eine Brille. Aber sie starrte meine Freundin an, als hätte sie Probleme beim Gucken. Also wissen Sie, Sie können da ja bestimmt mit umgehen, aber für mich ist das doch vollkommen neu! Meine Freundin begriff, dass sie gerade für ein Beispiel von Geschlechtsumwandlung gehalten wurde. Für sie war das ebenfalls neu, aber sie sagte nichts, sondern dachte an Jeanne d'Arc, an die Zeiten, als eine Frau als Mann durchgegangen war, sobald sie die Symbole der Männlichkeit trug: ihre Kleidung, ihre Waffen, ihren Mut. Meine Freundin trug Jeans und eine lose übers T-Shirt geworfene Jacke. Und sie hat eine tiefe Stimme.

Die Schalterdame sagte nach einem herzhaften Biss in ihr Brötchen: Macht ja nichts. Eine Bekannte von mir ist ja jetzt auch zur Bundeswehr gegangen.

Und wenn Sie nichts ankreuzen?, fragte meine Freundin provokant. Kann ich dann kein Norwegisch lernen?