Nein, dies ist nicht seine Straße. Oder besser: nicht mehr seine Straße.

Absolut nicht, bekräftigt Nikolaij Alexandrowitsch Ignatijew. Dabei wohnt der 57-jährige Schiffbauingenieur gleich um die Ecke vom Newskij-Prospekt.

Und wegziehen möchten er und seine Frau Walentina auf keinen Fall. Absolut nicht. Doch die Leuchtreklamen, die Werbeplakate für Bier, Designerkleider, Sportwettkämpfe und Vernissagen, vor allem aber die Inschriften in lateinischen Buchstaben, das irritiert Nikolaij. Missbilligend deutet er auf die Luxuslimousinen, auf die Fräulein, die noch im September bauchnabelfrei und tief dekolletiert herumstöckeln. Mit unserer Stadt, so Nikolaij Alexandrowitsch, hat das alles nichts zu tun.

St. Petersburg hat sich verändert, da hat Nikolaij Recht. Nach gut siebzigjährigem, von den Kommunisten verordnetem Dornröschenschlaf ist Russlands Schöne aufgewacht. Zwar brauchte sie dafür länger als die Hauptstadt Moskau, wo mehr Geld fließt und Bürgermeister Jurij Luschkow eine wenig demokratische, dafür höchst effiziente Stadtpolitik betreibt. Aber was ist schon Moskau, dieser Ort der Parvenüs, dieses zur Metropole aufgeschwemmte Dorf? Selbst Präsident Wladimir Putin, ein Petersburger Patriot, räumt ein: Moskau löst in anderen Städten gemischte Gefühle aus.

Aber St. Petersburg hat aufgeholt. Auf dem viereinhalb Kilometer langen, sechsspurigen Newskij-Prospekt, auf dem sich die Schigulis und Wolgas und immer zahlreicher die BMWs, Volkswagen und Mercedes drängeln, ist vom sozialistischen Mief nur mehr wenig zu sehen, zu spüren, zu riechen. Zurzeit werden die Bürgersteige aufgerissen und mit Platten belegt.

Oberflächenkosmetik für den 300. Geburtstag im Jahr 2003. Dann muss alles blitzen, so will es Wladimir Jakowlew, der sich lieber Gouverneur statt bloß Bürgermeister nennt. Egal, wenn sich St. Petersburgs berüchtigte Schlaglöcher, oft von der Größe, dass nach einem Regenguss ein Kind darin ertrinken könnte, rasch wieder auftun.

Jewgenija Prochowowa gefällt es, wie sich ihre Heimatstadt herausputzt. Die 23-Jährige gäbe eine hervorragende Marketingfrau für St. Petersburg ab: Es ist unmöglich, von dieser Stadt nicht beeinflusst zu werden. Sie nennt sie Saint-Pete, ältere Semester sprechen von Piter. Jewgenija aber will nicht zur Stadtbehörde, sondern zuerst einmal im Fach Internationale Beziehungen promovieren. Englisch spricht sie perfekt, auch Deutsch beherrscht sie und holt deshalb in ihrem zweiten Nebenjob - neben jenem in der Analyseabteilung ihrer Fakultät - ausländische Sprachschüler vom Flughafen ab und bringt sie zu ihren Gastfamilien: Das ermöglicht mir viele Kontakte. Ist doch spannend.