Johnny LaLond hatte noch nie einen Computer benutzt, als er vor zwei Jahren von seiner öffentlichen Highschool in Oviedo, Florida, auf eine virtuelle Schule im Internet wechselte. "Es war merkwürdig", sagt der heute 18-Jährige. Um sich hatte er keine Klassenkameraden mehr, saß alleine vor dem Monitor. Statt sich zu melden, lernte er, Audiodateien herunterzuladen, und wollte er mit Mitschülern ratschen, musste er sich erst per Modem in einen Chatroom einwählen.

Trotzdem war Johnny zufrieden. "Ich war nicht sehr glücklich auf der normalen Schule", sagt LaLond, der die Highschool vor kurzem abschloss. "Ich war ein guter Schüler. Aber mich hat frustriert, wie viel Zeit für Unnötiges draufging, undisziplinierte Mitschüler, Fehlstunden." In der Florida Virtual Highschool (FVS) dagegen konnte sich Johnny seine Tage so einteilen, wie er wollte. Wenn ihm danach war, setzte er sich morgens an seinen Computer. Und wenn nicht, lernte er erst abends und kümmerte sich tagsüber um das Fassadenreinigungsgeschäft, das er sich als Teenager nebenbei aufgebaut hatte.

Stundenplan nach Wahl

LaLond gehört zu einer wachsenden Minderheit von US-Schülern, die unter dem wachsamen Blick von Bildungsexperten Klassenzimmer und Stundenplan gegen Heimcomputer, Modem und selbst gesteuertes Lernen austauschen. In einigen US-Bundesstaaten, darunter Florida, Pennsylvania und Ohio, öffneten in den vergangenen Jahren Cyberschulen ihre virtuellen Pforten. Zumeist sind ihre Kurse als Zusatzangebot für den normalen Unterricht gedacht. Doch manche Schulen erlauben Jugendlichen auch, ihre Ausbildung komplett ins Internet zu verlegen. In Ohio etwa machten diesen Sommer 23 Abgänger der staatlichen Internet-Schule Electronic Classroom of Tomorrow (Ecot) ihren Abschluss. Bei der Zeugnisübergabe im Staatskapitol trafen sie sich zum ersten Mal persönlich.

Cyberschulen sind eine neue Spielart der amerikanischen Bildungstradition, die Eltern erlaubt, ihren Nachwuchs zu Hause zu unterrichten. Rund 1,5 Millionen US-Kinder werden im eigenen Heim geschult. Meist weil die Eltern die staatliche Ausbildung aus religiösen Gründen ablehnen oder weil sie Drogen und Schießereien auf dem Schulhof fürchten. Doch auch öffentliche Schulbehörden bieten verstärkt Online-Unterricht an. Das Städtchen Midland in Pennsylvania etwa verlor seine Highschool, als die lokale Stahlfabrik schloss und die Bevölkerung von 7000 Einwohnern auf 3000 sank. Jahrelang musste, wer in Midland eine höhere Schule besuchen wollte, mit einem Bus in den Nachbarstaat Ohio pendeln. Dann richtete der Schulbezirk im vergangenen Jahr die Western Pennsylvania Cyber Charter School (WPCCS) ein. Sie zog auf Anhieb über 500 Schüler aus dem ganzen Bundesstaat an.

"Wir haben unter unseren Schülern Schüchterne, die sich nie trauten, sich zu melden, oder denen vor der Schule graute, weil sie wegen ihres Gewichts oder ihrer Religion gehänselt wurden", sagt Jayne Price von der WPCCS. Zu den Schülern gehören auch Kinder, die zu Hause bleiben müssen, weil sie krebskrank sind. Oder Teenagermütter, die in Mitternachtskursen ihren Abschluss nachholen.

In Deutschland ginge das nicht. "Bei uns besteht ausdrücklich Schulpflicht, und das heißt, dass die Kinder in die Schule kommen müssen", sagt Manfred Jerusalem von der Kultusministerkonferenz. "Reine Internet-Schulen sind deshalb nicht möglich."