Berlin

Aufruhr bei den Grünen, Zerreißprobe, die Existenz der Partei bedroht - im Moment können die Worte kaum groß genug sein, mit denen beschrieben wird, wie der Anschlag auf Amerika innenpolitisch zurückwirkt. Das Wahldebakel in Hamburg, ein Drittel (minus 5,4 Prozent) weniger Stimmen für die Grünen, aber auch kein Durchbruch für die Absplitterung, die Regenbogenpartei, die auf Pazifismus setzte, der Erfolg für den schrecklichen Richter Schill: Das alles spielt am Rand eine Rolle, aber es wird dominiert von der Frage, welche Folgen die viel beschworene "Zeitenwende", das Attentat des 11. September, haben wird.

Wackelt also die rot-grüne Koalition? Gerät selbst außer Kontrolle? Gerhard Schröder fragt den Partner im kleineren Kreis gelegentlich zwar besorgt, ob dieser auch alles durchstehe, aber der Kanzler lässt keinen Zweifel daran, dass er es gern so sähe. Die CDU, schwach in Berlin, in Hamburg mit Schill im Boot, kann ihm nicht attraktiv erscheinen. Zumal nicht in Zeiten wie diesen, die viel von "innerer Sicherheit" und einem "starken Staat" handeln werden, mit dem Kompetenzvorsprung, den die Union traditionell dabei hatte. Über Nacht könnte das umschlagen in eine Debatte, ob die alte "Staatspartei" nicht doch besser wieder ganz die Regie in Berlin übernehmen sollte. Die Große Koalition als Türöffner: Das wäre die Wiederholung des Manövers von 1966, nur diesmal mit anderen Vorzeichen. Die Freidemokraten wiederum - siehe Hamburg, wo sie mit Schill und der Union koalieren wollen - desavouieren im Augenblick ihre eigenen sozial-liberalen Optionen.

Aber stehen die Grünen zur Koalition? Von außen betrachtet, nimmt es sich schon einigermaßen merkwürdig aus, wie sie sich selbst hysterisieren.

Übertroffen wird das eigentlich nur von einigen Medien, die sich und die Öffentlichkeit in eine 1914-Vorkriegsstimmung hineinsteigern. Bin Laden, Deine Stunden sind gezählt. Die Jäger sind schon bei Dir. Solchen Boulevard-Titeln assistieren auch Kommentatoren für die gehobenen Stände, wenn sie die Bundesrepublik bezichtigen, den "staatspolitischen Ernst" verlernt zu haben und den Staat "im dekadenten Luxus einer allgegenwärtigen Ortskrankenkasse" verglimmen zu lassen. Alles deutsche Sensibelchen, "die sich schon beim Explodieren eines Knallfroschs in die Hosen machen würden", schreiben die neuen deutschen Helden.

Mehr als anderswo hat sich bei den Grünen eine Kontroverse hochgeschaukelt, die Fritz Kuhn, Kerstin Müller, Rezzo Schlauch und übrigens auch Joschka Fischer gerade wieder einzudämmen versuchen. Aber woher die besondere Erregung bei den Grünen, und nur bei ihnen? Dass sie ihre Wurzeln in der Friedensbewegung haben, kann die ganze Antwort nicht sein. Inzwischen gab es das Kosovo, das "Ja" zum Bundeswehreinsatz auf dem Balkan und eine - noch unverdaute - Lektion in Realpolitik.

Auch wenn Joschka Fischer das nicht so sieht, der Kanzler wird in der Öffentlichkeit und in seiner eigenen Fraktion anders wahrgenommen als der Außenminister. Das Schröder-Bild: Äußerst vorsichtig balanciert er am Trapez, betreibt Politik der kleinen Symbole, dosiert mit wenigen Worten, was er vermitteln will. Beide, Schröder wie Fischer, haben das Wort von der "uneingeschränkten Solidarität" benutzt, beide betrachten das gleichermaßen als Muss und meinen es so. Aber es war der Kanzler, der die Formel geprägt hat, Deutschland werde auch Risiken mittragen, nicht hingegen "Abenteuer". Er hat Weizsäcker, Genscher und Schmidt zu sich eingeladen, bevor er Helmut Kohl nachträglich - man soll ihm nichts nachsagen können - zu einer kleinen Sonderaudienz empfing. Und bei aller Hochschätzung, ja Bewunderung Fischers für die drei Herren bei Schröder: Er denkt offenbar anders als diese darüber, was Europa und Deutschland in solchen Momenten wie nach dem 11. September wirklich können.