Das Stück ist die erste abendfüllende Oper, die dodekafon komponiert wurde, und war zugleich das erste zwölftönige Werk Ernst Kreneks überhaupt. Der nannte diesen Versuch im Rückblick selbst ziemlich "dreist", meinte aber zugleich, der Griff zu Schönbergs Kompositionsmethode, die er lange nicht sonderlich schätzte, habe "beinahe den Charakter einer religiösen Entscheidung" für ihn besessen. Wenn Krenek in seinen Memoiren Im Atem der Zeit beschreibt, wie er sich quasi autodidaktisch die dodekafone Kompositionstechnik aneignete, sich dabei mit ihren Reihen und "massenweise" überschüssigen Tönen herumschlug, dann liest sich das höchst erheiternd.

Dem klingenden Ergebnis jedoch sind diese skurrilen Kämpfe nicht einmal ansatzweise abzulauschen. Karl V., Bühnenwerk mit Musik, gehört zu den bedeutendsten Opern mindestens der dreißiger Jahre. In strenger und ausgefeilter Symmetrie auf der Basis einer einzigen Reihe konzipiert, entwickelt Karl V. mit zahlreichen quasitonalen Anklängen, madrigalesken und ariosen Einlagen, martialischen Landsknechtsliedern oder Choral-Allusionen fast haptische Qualitäten und eine enorme dramatische Sogwirkung. Die entsteht auch aus dem genau kalkulierten Spannungsfeld zwischen dem herben Orchesterklang und den meisterhaft geführten, ungemein expressiven Vokallinien.

Krenek ging es in seinem exzellenten Libretto, das er nach eingehenden Geschichtsstudien verfasste, weniger um die Lebensgeschichte des Kaisers, auch wenn Luther in Worms, Franz I. oder Pizzarro auftreten. Zentral ist die - in einem mit dramatischen Szenen aufgeladenen Dialog zwischen Karl und seinem Beichtvater - untersuchte Frage, ob der Souverän das ihm Mögliche zur Durchsetzung eines christkatholischen Universalreichs getan oder vor der großen Aufgabe versagt habe. Die psychoanalytische Beichte wird zum individuellen Rechtfertigungsversuch im Schatten teleologischer Geschichtsphilosophie. Um die politische Brisanz seines Ideendramas im Angesicht des aufziehenden Unheils hat Krenek gewusst, sie zugleich unterschätzt. 1934 bekam er sie zu spüren, als die Wiener Uraufführung von rechten Kreisen und wohl auch vom Auftraggeber, Staatsopernchef Clemens Krauss persönlich, hintertrieben wurde.

Bis heute ist die Rezeption eher eine Kette verpasster Gelegenheiten. Die sorgfältige und packende Neuaufnahme mit dem Orchester der Beethovenhalle Bonn unter Marc Soustrot, die erste Studioproduktion überhaupt, ist die allzu späte, aber brillante Ehrenrettung eines Meisterwerks durch ein kleines Label (Dabringhaus und Grimm 337 1082).