Es sind vor allem Kinder und Jugendliche, die an den Straßensperren vor der amerikanischen Botschaft in Berlin Kerzen aufstellen und Briefe ablegen, in denen sie ihre Angst vor einem Dritten Weltkrieg artikulieren. In anderen deutschen Städten fertigen Viertklässler für Erstklässler Wandzeitungen an, voll mit Kommentaren zu den Terroranschlägen in New York, in denen sie ihren Emotionen freien Lauf lassen, aber auch vor Kurzschlussreaktion warnen.

Gymnasiastinnen, 15 Jahre alt, organisieren Trauermärsche und Gedenkminuten.

Es gibt viele Fragen und Sorgen in diesen Tagen, eine Tatsache ist diese: Die angeblich so unpolitische und vom Wohlstand verwöhnte junge Generation reagiert auf den Terror in New York und auf die drohenden kriegerischen Handlungen sehr bewegt - spontan, einfühlsam, mit Zivilcourage. Auch sie haben erkannt, dass die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten ein Angriff auf die Grundregeln des menschlichen Zusammenlebens in einer zivilisierten Form sind. Diese Reaktion - so stark, so weitgehend - hat viele Eltern, Erzieherinnen und Lehrer überrascht. Ich finde es nicht schön, dass vielleicht der 3. Weltkrieg ausbricht. Lieber Gott, verhindere, dass der 3.

Weltkrieg ausbricht, Amen - Sätze wie diese schreiben Kinder nieder. Wir wollen keine toten Menschen, sondern lebendige Menschen und keinen Krieg. Es sind Neunjährige, Zehnjährige, die das schreiben angesichts der ersten großen Weltkrise, die sich vor ihren Augen entwickelt, angesichts einer Krise, in die sie nicht bloß hineingeboren worden sind wie ihre Elterngeneration in den Kalten Krieg.

Manche Erwachsene machen sich nun Sorgen, dass die unfasslichen Schockereignisse die psychische Kapazität von Kindern und Jugendlichen überfordern. Gewiss: Die Terroranschläge und die Bilder, die ihnen seither folgten, waren brutal, sie verletzten alle Regeln von Sicherheit und Zuverlässigkeit, die gerade die Jungen und Mädchen im Kindergarten- und Grundschulalter für ihre persönliche Entwicklung brauchen. Was denkt ein Kind, wenn es ein Haus einstürzen sieht? Ein Haus, ein Zuhause - bislang war dies ein Motiv für Geborgenheit, auch ein Hochhaus, weil es für Kraft und Stärke stand.

An die Grenze ihrer psychischen Belastbarkeit können aber nur jene Kinder geraten, die schon mit ihrer bisherigen Lebensgeschichte und Alltagserfahrung überfordert sind. Schwierige Verhältnisse zu Hause, Misserfolge und Ablehnung in der Schule, körperliche und psychische Krankheiten - wer seelisch ohnehin instabil ist, kann die Zerstörung bisher gültiger Gewissheiten und sozialer Sicherheiten kaum ertragen.

Die allermeisten Kinder jedoch können auch Schockerlebnisse wegstecken. Schon den Kleineren ist eine sachliche und emotionale Verarbeitung möglich, wenn ihr gewohnter Alltag bestehen bleibt. Sie können, wie Studien (sogar aus Kriegsgebieten) zeigen, Erfahrungen mit Terror und Gewalt eher aushalten, wenn sie soziale Unterstützung in Familie, Kindergarten und Schule erfahren.