Noch glühen die Wälder des Graubündener Bergell im herbstlichen Farbendelirium: Sopraporta, im höher gelegenen alpinen Teil, sind es die Flammentöne der Lärchen

im italiennäheren, mediterraneren Südteil, sottoporta, die berühmten Kastanien, die rostrot und goldbraun leuchten unterm hellgrauen Granit jener legendären Alpengipfel, die Piz Badile und Piz Cengalo heißen, Gemelli, Sciora- und Albignagruppe.

Doch bald wird die Sonne nur noch ihre Dreitausender-Flanken anstrahlen - und das Tal der Menschen wird im vierteljährigen Winterschatten versinken. Die Hänge des Bergells sind zu steil, sein Talgrund zu eng, dass zwischen November und Februar noch ein Strahl hinunter träfe. Das sind wir gewöhnt, sagen die Leute von Vicosoprano und Stampa, von Promontogno und Castasegna.

Aber zumindest für den italienischen Teil der Bregaglia, das Val Chiavenna, hat man die höchste Selbstmordrate Italiens ermittelt - etwa bizarre, finster entschlossene Suizide mittels Erdrosselns mit einer Salamischnur.

Das Tal scheint ein Licht- und Schattengesicht zu haben, so scharfkantig voneinander abgesetzt, wie die berühmte Badile-Nordkante hell und dunkel trennt. In der warmen Zeit ist die Szenerie dermaßen prachtvoll, lieblich, grandios, dass es förmlich schmerzt. An manche Orte kehrt man ja nach Jahren mit Bangen zurück - kann es dort noch so sein wie in der überglänzten Jugenderinnerung? Und man kann es gar nicht fassen, wenn man dann den berühmten Abbruch hinterm Silser See hinunterkurbelt, holterdiepolter abwärts über tausend Höhenmeter, wie tröstlich schön es im Bergell geblieben ist.

Gut, man hat eine schnellere Durchgangsstraße gebaut, die aber nun die wohl erhaltenen Dorfkerne von Vicosoprano, Borgonovo, Promontogno vom Transitverkehr verschont, es gibt ein paar Tankstellen, einen Tunnel und unterhalb von Castasegna eine recht massige Betongalerie - aber wo ist der ganze Siedlungs-und Gewerbegebietschrott, der ansonsten im Alpenraum zumindest die Trassen des Fernverkehrs unweigerlich trostlos säumt?

Ein hochgradiges Transitrevier