Es ist wie mündliches Abitur. "Erzähl uns vom Charakter des Werks", bittet der kleine Mann mit Brille im Haar. Der Junge versteht nicht, er will ihm doch nur vorgeigen. Endlose Sekunden später fragt der Delinquent scheu: "Dunkle Farbe?" Da geht ein Strahlen über das Gesicht des Quälgeists: "Richtig. Dunkle Farbe. Ich höre sie bei dir aber nicht!" Setzen. Brahms von vorn. Das Publikum stöhnt, doch der junge Geiger macht auf einmal alles richtig.

Als Isaac Stern 1999 seinen Kammermusikkurs in Köln abhält, bricht er keineswegs seinen Eid, nie mehr im Land der Mörder zu konzertieren. Seine Geige liegt in New York. Aber einer wie Stern ist über alle Schwüre hinaus so viel Optimist, dass ihn die Zukunft Deutschlands brennend interessieren darf.

Solche Erkenntnis geht bei ihm einzig über die Musik. Bei Stern fing alles jederzeit beim Punkte null an. Bei der Geburt der Welt aus dem Geist des Klangs. In China hatte er grausam-lieb den Weg Von Mao zu Mozart beschworen

als erster Amerikaner hatte er nach 1945 in der Sowjetunion gespielt. Während des Golfkriegs musizierte der Jude Stern in Israel, als irakische Raketen flogen. Er konnte nicht aufhören zu glauben, dass seine Geige dort erklingen müsse, wo sie gebraucht wurde.

Stern, 1920 in der Ukraine geboren, lag gerade ein paar Monate in der Wiege, als seine Eltern nach San Francisco zogen. Die neue Welt behagte ihm, er konnte was lernen, klemmte sich eine Geige ans Kinn und ließ sie nie wieder los. Seine Technik hatte immer etwas Umfassendes, Gereiftes, über sie konnte er verfügen, Tag und Nacht. Trotzdem wurde sein Spiel weder eiskalt noch honigsüß, weder maschinell noch ausdruckswütig. Stern musizierte vor allem geistvoll, mit Kraft und doch jener singenden Eleganz, die ihn etwa in Mendelssohns Violinkonzert (seiner schönsten Aufnahme) den Quantensprung von klassischem Ebenmaß zu frühromantischer Nervosität hinreißend bewältigen ließ.

Isaac Stern ist jetzt, 81-jährig, in New York einem Herzversagen erlegen.

Seine Geige war wohl bei ihm.