Vor zehn Tagen brach sich ein 13-jähriger Junge bei einem Zeltwochenende, an dem auch meine gleichaltrige Tochter teilnahm, den Fuß. Der Bruch war so kompliziert, dass die Ärzte zunächst fürchteten, den Knochen nicht retten zu können. Erst am folgenden Abend gaben sie Entwarnung. Die eigene Hilflosigkeit und die bittere Erkenntnis, dass ein kurzer Augenblick das ganze Leben verändern kann, wirken bei den Jugendlichen bis heute nach. Fast täglich pilgern sie ins Krankenhaus. Ihre Sorge ist anrührend.

Soweit ich es beurteilen kann, leidet keiner dieser Teenager unter einer Traumatisierung durch die Fernsehberichte über die Anschläge in den USA. Das sollten sie aber nach Ansicht vieler Journalisten, Psychologen und Lehrer.

Die haben in den letzten Tagen auf allen Kanälen und leider auch in einigen Schulklassen erklärt, dass die schrecklichen Fernsehbilder uns ein Leben lang nicht mehr loslassen werden. Mami, kommt jetzt Krieg?, fragte das ZDF in einer Sondersendung. Mamis haben derzeit auch keine Ahnung, aber darum ging es nicht. Es ging um kollektive Betroffenheit. Kinder berichteten, dass sie abends nicht einschlafen könnten und vor dem Fernseher geweint hätten. Wer fähig ist zu Mitgefühl, der bedarf jetzt psychologisch geschulter Betreuung, so die unausgesprochene Botschaft. Sollte jemand derlei nicht brauchen, dann deutet das auf Empfindungslosigkeit hin. Anders ausgedrückt: Meiner Tochter wird suggeriert, es ließe auf charakterliche Defizite schließen, wenn sie nachts auch weiterhin gut schläft.

Die Annahme, kindliche Gemüter könnten die Bilder der Terrorangriffe nur schwer verarbeiten, widerspricht allerdings einer anderen Lehrmeinung. Immer wieder haben Medienwissenschaftler davor gewarnt, dass eine der größten Gefahren unkontrollierten Fernsehkonsums für Jugendliche darin bestehe, zwischen Realität und Fiktion nicht mehr unterscheiden zu können. Im Extremfall könnten Kinder einen Spielkameraden zum Spaß umbringen.

Ich habe diese Theorie immer bezweifelt. Nach meinem Eindruck kennen Kinder den Unterschied zwischen einem toten Vogel am Straßenrand und einem toten Revolverhelden im Fernsehen genau. Falls die Medienexperten aber Recht haben: Warum sollten Jugendliche dann ausgerechnet die Bilder aus New York und Washington nicht verarbeiten können? Wer die Nachrichten verfolgte wie einen Actionfilm, kam nicht umhin, Längen im Drehbuch zu bemängeln. Nun kenne ich niemanden, der die Realität mit einem Kinofilm verwechselt hat. Kinder wussten sehr wohl, dass die Körper, die aus dem World Trade Center fielen, sterbende Mütter, Ehemänner, Schwestern und Söhne waren. Deshalb ließen die Nachrichten sie nicht ungerührt. Als John F. Kennedy ermordet wurde, war ich sechs Jahre alt, ebenso alt wie seine Tochter. Auch Väter können sterben: Das war die Nachricht, die mich damals wirklich entsetzte. Mitleid entsteht über Identifikation.

Die Klasse meiner Tochter wird auf Anregung ihres Lehrers hin einen Kondolenzbrief an ihnen unbekannte Schüler in Manhattan schreiben. Meine Tochter hat sieben Jahre in Kenia gelebt. Es ist kein Ausdruck von Antiamerikanismus, wenn sie sich fragt, weshalb sie nach dem blutigen Anschlag auf die US-Botschaft in Nairobi eigentlich nicht aufgefordert worden ist, an kenianische Schüler zu schreiben. Sie hätte mit Adressen dienen können. Je enger eine Schreckensmeldung mit den eigenen Erfahrungen verknüpft ist, desto intensiver sind die damit verbundenen Gefühle.

Ich habe damals mit der Meldung vom Tode John F. Kennedys ganz gut weiterleben können. Wer jetzt meint, Kinder müssten infolge der jüngsten Terrorangriffe traumatisiert sein, der missbraucht sie als Projektionsfläche für eigene Ängste. Das ist nicht neu. Seit Jahren bezeichnen schon Sechsjährige die drohende Zerstörung der Umwelt in ungezählten Untersuchungen als ihre größte Sorge. Wäre es nicht ein wunderbares Zeichen von Souveränität der zivilisierten Welt, wenn sie ihren Kindern weiterhin erlaubte, sich vor allem vor bösen Zauberern zu fürchten?